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Mein inneres Erdmagnetfeld

Berlin gilt als Stadt der Zugezogenen; kaum einer seiner Bewohner kann sich als Geburtsberliner bezeichnen. Der Streit darüber, wie lang jemand in Berlin leben muss, bis er von sich behaupten kann, ein Berliner zu sein, ist so alt wie die Marienkirche in Mitte. Dabei gäbe es durchaus ein Kriterium, anhand dessen man diese Feststellung treffen könnte. Wer es geschafft hat, zehn Jahre in Folge in keinen Hundehaufen zu treten, kann mit Fug und Recht als Einheimischer gelten. Erfahrungsgemäß braucht es nämlich diese Zeit, um ein Radar für die Hinterlassenschaften der vierbeinigen Scheißer zu entwickeln. Vor allem im Herbst, wenn das Laub sich tückisch über die braunen Häufchen gelegt hat, ist es nicht leicht, mit unbeflecktem Schuhwerk nach Hause zu kommen.

Über diesen siebten Sinn wusste die Wissenschaft bislang wenig. Manche vermuteten, Ur-Berliner seien schon ab Geburt mit einem feinen Geruchssinn ausgestattet, andere führten die Fähigkeit für einen tretminenfreien Spaziergang auf eine genetische Mutation zurück: die Augäpfel der eingeborenen Bewohner der Stadt könnten sich wie bei einigen Reptilienarten unabhängig voneinander bewegen, so dass sie mit dem einen Auge selbst noch die kleinste Erhebung unter dem Ahornblatt erfassen können, während sie gleichzeitig mit dem anderen Auge die Straße vor sich im Blick haben. Zugezogene könnten sich - so die Hypothese - diese Fähigkeiten antrainieren.

In den vom Stadtmarketing angebotenen Kursen für Neuberliner zeigte sich aber rasch, dass offenbar doch eine gewisse genetische Disposition nötig ist, um den Kackhaufen zu entgehen. Die Erfolgsquoten variierten nämlich stark. Vor allem Bayern und Schwaben waren diesbezüglich wenig integrierbar; vergleichsweise gut schnitten dagegen Sachsen und Ostfriesen ab. Bei letzteren wird das auf das jahrhundertelange Training auf den von Schafen beweideten Wiesen hinter den Deichen zurückgeführt.

Eine andere Erklärung liefert jetzt eine Studie der Universität Duisburg-Essen. Dort haben Forscher herausgefunden, dass Hunde sich beim Urinieren und Häufchenmachen nach dem Magnetfeld der Erde ausrichten. Zoologen hatten Hundehalter darum gebeten, Auskunft über Verhalten und Positionierung ihrer Hunde während der Ausscheidung des Verdauungsprodukts aufzuschreiben. Ergebnis: 80 Prozent der Hunde präferierte eine klare Nord-Süd-Ausrichtung. Nur an Tagen, an denen das Erdmagnetfeld durch Sonnenstürme gestört war, standen die Tiere beim Geschäft kreuz und quer in der Gegend rum. Die Hunde haben offenbar, so die Schlussfolgerung der Forscher, eine Art inneren Magnetkompass.

Noch unklar ist, ob die Ergebnisse auf Menschen übertragbar sind. Ein Antrag der Opposition im Berliner Abgeordnetenhaus zur Durchführung einer entsprechenden Studie soll in Vorbereitung sein.

Ich für meinen Teil muss sagen, dass ich es geschafft habe. Gestern lief die Zehnjahresfrist ab.

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