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Liebe in Zeiten der Neurosen

»Das weite Land«: Am DT in Berlin durchleuchtet Jette Steckel die spätkapitalistische Seele

  • Von Christian Baron
  • Lesedauer: 6 Min.

Es ist nur ein Lied - und doch viel mehr als das. Düster, schaurig, ja beinahe schicksalsergeben schleppt sich der dezent wummernde Bass über ein sparsam von Elektronik-Akzenten begleitetes, sanftes Orgelspiel. Und dann, nach dreißig Sekunden währendem und zugleich endlos anmutendem Instrumental-Intro, ertönt sie, die sonore Stimme des Nick Cave. Er ist ein Klangkünstler des Romantischen, des Unterschwelligen, der ganze Epen in lyrische Zeilen packt und mit »We No Who U R« den idealen Soundtrack dessen liefert, was sich da in Jette Steckels Inszenierung von Arthur Schnitzlers »Das weite Land« am Deutschen Theater in Berlin abspielt. Mehr als hundert Jahre liegt die Uraufführung zurück, skandalös ob der anstößigen Techtelmechtel, der tiefen Neurosen und der bitterbösen Revanchegelüste.

Klar, es geht um den Geschlechterkampf, um Eifersucht, um gockelhafte Ehrgefühle bei Männern und um sklavische Tugendhaftigkeit bei Frauen - wer dieses schlüpfrige Stück sieht, denkt sich das heuchlerische Heute zwingend mit. Pauline Hüners hat die Figuren dementsprechend ins Jeans-Turnschuh-Jetzt rüberkostümiert. Und das Publikum blickt auf diese von Florian Lösche bombastisch bebaute Bühne, in deren Mitte ein Riesengebirge aus aufeinander getürmten schwarzen Ledersofas aufragt, von dem eines einsam ganz vorne frei platziert steht, damit die Protagonisten es permanent die Rampe rauf- und runterschieben können. Sie schieben ihre Sorgen vor sich her, und es ist gewiss nicht falsch, an dieser Stelle die platteste Assoziation zuzulassen: Wir haben es im Sinne des Psychoanalytikers Sigmund Freud mit Menschen zu tun, die buchstäblich auf die Couch gehören, die ihr Inneres immerzu verdrängen und denen Nick Cave brummend ins Stammbuch schreibt:

»The tree don’t care what the little bird sings / We go down with the dew in the morning light / The tree don’t know what the little bird brings.«

Nur in einer kurzen Szene, in der das Sofaturm-Ungetüm auf der Drehbühne im einsamen Dunkel um seine eigene Achse rotiert und üppig Dampf um das sinistere Setting weht, erschallt dieses vierminütige Musikstück, und doch ergänzt, umrahmt, leitet es diesen Abend. Cave beginnt darin, einen Baum zu besingen, dem schnurzegal ist, was das kleine Vöglein um ihn herum so zu zwitschern pflegt. Jenes wie ein Fels in der Mannes-Brandung stehende Gehölz ist hier natürlich zuvorderst dieser anfangs so unverschämt lässige Fabrikant Friedrich Hofreiter (Felix Goeser), der dem Pianisten Korsakow nur oberflächlich nachtrauert. Aus unerwiderter Liebe zu Hofreiters Gemahlin Genia (Maren Eggert) hat sich der Künstler eine Kugel in den Kopf gejagt. Nicht aber die Genia gemachten Avancen lassen Hofreiter so kalt; nein, er genießt es förmlich, wie die Männerwelt um seine Angetraute wirbt.

Zur Raserei treibt ihn, der sich so gern selbst in Affären stürzt, dass seine Frau nicht aus Liebe zu ihm treu ist, sondern nur sich selbst zuliebe. Das Vöglein handelt nicht nach dem Willen des Baumes. Es hat seinen eigenen Kopf. Diesem markigen Maskulinisten muss es da ja übel aufstoßen, wenn ihm nicht die gewünschte Ehrerbietung zuteil wird. Und doch unterdrückt er seine Wut, reist überstürzt in die Berge und beglückt dort mit der zwanzigjährigen Erna (Anna Drexler) in Wahrheit nur sein fragiles Ego. Es sind die unbewussten, tief verankerten und unterdrückten Kränkungen und Ängste, die nachts in den Träumen aufscheinen und in der Frühe wie bei Nick Cave als im Morgenlicht mit dem Tau ins Unbewusste zurücksickernde Nachtgestalten daherkommen:

»We go down with the dew in the morning / And we breathe, it in /

There is no need to forgive / Breathe, it in, there is no need to

forgive.«

Auch wenn es den Anschein erweckt, aber einen Grund, sich gegenseitig zu verzeihen, gibt es in Schnitzlers Psychogramm der spätkapitalistischen Wohlstandsgesellschaft wahrlich nicht. Nicht vordergründig. Nicht offensichtlich. Nicht bewusst. Wo keine Schuld angeprangert wird, braucht keine Reue aufzukommen. Auch wenn der zuverlässige Hausfreund Doktor Mauer (Ulrich Matthes) es gerne anders sähe. Immer wieder begegnet er Hofreiter als moralisch auf ihn einwirken wollendes Über-Ich, das ihn ebenso wie alle anderen zu bedingungsloser Ehrlichkeit drängt. Hofreiter, dieser Baum von einem Mann, lässt sich von den Sprüchen des Amigos aber einfach nicht beeindrucken und kraxelt lieber mit seiner jungen Geliebten brunftige Geräusche ausstoßend in Unterwäsche über den Couch-Tower. Parallel lässt sich Genia zu Hause doch noch auf eine Liebelei ein und erwählt sich dafür den juvenilen Marine-Fähnrich Otto (Ole Lagerpusch).

Als Hofreiter nun, vom eigenen Liebestrip zurückgekehrt, dies erfährt, fordert er den Nebenbuhler prompt zum Duell. Ein in seiner Stringenz originalgetreu und dabei doch (bis auf die Sache mit dem Duell) aktuell inszeniertes Geschehen, das illustriert, was schon der gelehrte Lehnstuhlphilosoph Adorno wusste: Jeder Mensch fühlt sich zu wenig geliebt, weil jeder selbst zu wenig lieben kann. Als Zuschauer spürt man überdeutlich: Da dürstet einer nach Achtung, Anerkennung, Liebe, die das zerbrechliche Selbst bestätigen. Hofreiter braucht, wie so viele Herren im noch immer stark männlich dominierten Spiel menschlicher Beziehungen, die bedingungslose Ratifikation seiner Männlichkeit wie die Luft zum Atmen. Ein Bild, das niemand besser auszudrücken vermag als Nick Cave, der in seinem Lied allerlei Bäume in ihrer düsteren Einsamkeit aneinanderreiht, wie sie trutzig im Wald weilen und bei genauem Hinsehen doch in ihrer inneren Zerrissenheit nebeneinanderstehend aussehen wie jämmerlich-flehende Hände:

»The trees will stand like pleading hands / We go down with the dew in the morning light / The trees all stand like pleading hands.«

Man kann diesen permanenten psychoanalytischen Popanz durchaus zu platt finden. Man kann sogar dieses auf knapp drei Stunden gestreckte Inszenierungskonzept vollständig in Grund und Boden verdammen. Aber Langeweile kann man diesem Spektakel zu keiner Sekunde attestieren. Das ist zuvorderst der polarisierenden Regisseurin Jette Steckel zu verdanken, die einfach gute Einfälle hat: etwa, wenn sie die Bigotterie des Bürgertums illustriert, indem sie es in seinen Seitensprüngen auf dem arg eng geratenen Sofa-Liebesnest unbequem aneinanderquetscht. Oder indem sie mit Otto die (neben Korsakow) einzige aufrichtige Figur zu einem naiv-verliebt übers Parkett schwebenden Jüngling karikiert.

Da ist sonst so viel seelische Vermummung, so viel geistreicher Dialog, dass man sich im ersten Teil des Abends zeitweise in einem Woody-Allen-Film wähnt, derweil der auf das unvermeidliche Unglück zusteuernde zweite Teil eher wirkt wie ein Wild-West-Gesellschaftsdrama im Mitte-Milieu. So bleibt am Ende das Wissen, dass wir alle Gefangene unserer biografisch bedingten Bedürfnisstrukturen sind. Was mit Nick Cave in diesen Zeiten mit ihren Dogmen à la »Höher, schneller, weiter!« oder »Zufriedenheit ist Stillstand!« in der Erkenntnis gipfelt, dass hier alle ihr Innerstes zu verbergen trachten und dieses fabelhaft harmonierende Ensemble im Laufe der Bühnenshow gerade dadurch die spätkapitalistische Seele schonungslos offenlegt:

»And we know who you are /

And we know where you live /

And we know there’s no need to

forgive.«

Nächste Vorstellungen: 25. und 28.12.

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