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Michael Garcia gibt nach hartem Kampf auf

Der Angriff des FIFA-Chefermittlers auf die Blatter-Festung des Fußballweltverbandes scheitert grandios

Michael Garcia hatte die Wahl zwischen Rücktritt und Verrat. Er entschied sich am vergangenen Mittwoch für Ersteres, nachdem die FIFA Garcias Einspruch gegen den Eckert-Bericht zurückgewiesen hatte.

Michael J. Garcia war einst im Gespräch, Chef des Federal Bureau of Investigation, des FBI, zu werden. Er wurde aber Anwalt bei der berühmten Kanzlei Kirkland & Ellis. 2012 heuerte ihn der Schweizer Kriminologe und Antikorruptionskämpfer Mark Pieth an, der damals Reformen beim Internationalen Fußball-Verband (Fifa) vorantreiben wollte. Garcia, der bereits Politiker, Finanzhaie und Dopingsünder aufs Kreuz gelegt hatte, sollte nun Licht ins Dunkle des Reiches von Fifa-Präsident Joseph Blatter bringen.

Garcia, der einst ein Studium im Fach Amerikanische Literatur seine Examensarbeit über Mark Twain und das Theater abgeschlossen hatte, verfasste nun einen 430 Seiten langen Report über Korruption und Manipulationen im Zusammenhang mit der Vergabe der Fußball-WM nach Russland 2018 und Katar 2022. Garcia hatte für seinen Bericht 75 Interviews in zehn Ländern geführt, die 200 000 Seiten füllen. Sein Fazit: Es gab zahlreiche Verfehlungen vor der WM-Doppelvergabe am 2. Dezember 2010 in Zürich.

Garcia scheute dabei auch vor Legenden wie Franz Beckenbauer nicht zurück, der daraufhin sogar kurzzeitig von allen Funktionen im Fußball suspendiert worden war und auch nicht zur WM nach Brasilien fuhr. Indes der Bericht des Vorsitzenden der rechtssprechenden Kammer der FIFA, Hans-Joachim Eckert, erschien dem Chefermittler mehr als verwässert. Der Münchner Richter hatte völlig konträr zu Garcia »keine gravierenden Verstöße« bei den Bieterverfahren zu den WM-Turnieren erkannt.

Ausgerechnet am Vorabend der gestern begonnenen Exekutivsitzung der FIFA in Marrakesch wurde Garcias Einspruch zurückgewiesen. Um sein Gesicht zu wahren, blieb dem als gnadenlosen Mafia-Jäger bekannten Garcia keine andere Wahl als der Rücktritt. »Kein unabhängiges Governance Komitee, Ermittler oder Schiedsgericht kann die Kultur einer Organisation ändern. Durch die Entscheidung Eckerts vom 13. November 2014 ist mein Vertrauen in die Unabhängigkeit der rechtsprechenden Kammer verloren gegangen«, erklärte Garcia, warf der FIFA Führungsmangel vor und attackierte Eckert scharf.

Weitere Kritik an der FIFA ließ nicht lange auf sich warten. Michel Platini, Chef der Europäischen Fußball-Union, sagte der BBC: »Wir wollten alle Transparenz, aber dies ist ein weiteres Versagen der FIFA.« Auch Jérôme Champagne, bislang einziger Gegenkandidat Blatters für die Wahl zum FIFA-Chef im Juni 2015, meinte: »Das ist ein Rückschritt. Wann werden wir beginnen, das Image der FIFA wieder zu verbessern?«

Blatter scheint von all dem ungerührt: »Ich bin überrascht über die Entscheidung von Herrn Garcia«, heuchelte der 78-Jährige Weltfußball-Patriarch. »Die Arbeit der Ethikkommission wird trotzdem weitergehen und in den nächsten zwei Tagen ein zentraler Punkt der Diskussionen beim Meeting der Exekutive sein.« Was Blatter unter Ethik versteht, ist unklar. Er meint wohl eher die Art wie die FIFA-Berufungskommission unter Larry Mussenden von den Bermudas Garcias Einspruch zurückwies: Die Berufung sei aus formalen Gründen »unzulässig«. Der sogenannte Eckert-Bericht sei kein »Schlussbericht« nach den Statuten des FIFA-Ethikreglements, deshalb »weder rechtsverbindlich noch anfechtbar«.

Nun hoffen viele, dass nach dem Rücktritt Garcias dessen Bericht irgendwie an die Öffentlichkeit gelangt. In den USA sickere immer mal etwas durch, hofft Mark Pieth. Eine Eigenveröffentlichung würde Garcia eine fette Strafe kosten. Aber immerhin kassierte er für seinen Job auch acht Millionen Dollar.

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