Geometrie der Erinnerung

Am Thalia Theater Hamburg: »Deutschstunde« von Siegfried Lenz

  • Von Gunnar Decker
  • Lesedauer: ca. 5.5 Min.

Die Vergangenheit ist nicht vorbei, ändert nur immer ihre Zustandsform. Erinnerung scheint aus Wasser gemacht: Sie fließt. Im glücklichen Falle sammelt sie sich dann zu einem See, so in Hermann Bangs »Das weiße Haus«. Hier tritt die Vergangenheit in Gestalt einer glücklichen Kindheit auf, die man zurückrufen will: »Zeiten ohne Neid, freundliche Zeiten, eurer will ich gedenken«. Aber öfter noch ist sie ein Sturzbach und dann wieder ein schmales Rinnsal, das im Sand verläuft.

Wie das Wasser führt auch die Erinnerung ein unmäßiges Eigenleben. Heute erinnern wir uns an einen wichtigen Tag des letzten Sommers anders als in zehn oder dreißig Jahren, wenn er sich dann nicht längst im Meer der Zeit verlaufen hat. Soll Erinnerung nicht völlig der schweifenden Phantasie anheimfallen, braucht sie Haltepunkte: Fotos, Briefe, Zeitdokumente. Dennoch bewegen wir uns, schreiben wir über das eigene Herkommen, in trübem Wasser.

Es gibt se...


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