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Zuhause auf der Baustelle

In Prenzlauer Berg wehren sich Bewohner gegen die Sanierung ihres Hauses / Neue Miete vier Mal so hoch

Wegen der Modernisierung ihrer Häuser stehen in Prenzlauer Berg Mieter und Eigentümer miteinander auf Kriegsfuß. Die Bewohner leben auf Baustellen. Sie fühlen sich von der Verdrängung bedroht.

Maike Ahlers und Sven Fischer leben seit 15 Jahren zusammen an der Kopenhagener Straße im Stadtteil Prenzlauer Berg. Seit einigen Monaten haben ihre beiden Töchter Atemwegs- und Hautprobleme. Die Eltern sind davon überzeugt, dass es an der Plastikplane liegt, die das Haus umhüllt. Seit mehr als einem halben Jahr wird die Fassade gedämmt und die Plane sichert das Baugerüst ab. Weil dadurch keine frische Luft in die Wohnung gelange, atme ihre Familie die bei der Dämmung verwendeten Stoffe ein, meinen Ahlers und Fischer.

Damit die Plane verschwindet, beantragen sie bereits zum zweiten Mal eine einstweilige Verfügung. Die Richterin am Amtsgericht Mitte lehnt den Antrag jedoch ab - wie vier Monate zuvor schon das Landgericht Berlin. Die Beeinträchtigungen des Gebrauchs der Wohnung seien nicht erheblich genug für eine einstweilige Verfügung, hieß es damals zur Begründung. Derlei Antworten hören Ahlers und Fischer häufig von Ämtern und Behörden, an die sie sich wenden. »Jeder verweist an den Nächsten, und am Ende bist du wieder da, wo du angefangen hast«, erzählt Fischer.

Bei Ahlers und Fischer an der Kopenhagener Straße spielt sich ab, was vielerorts in Berlin zu beobachten ist: Weil Kredite billig sind und immer mehr zahlungskräftige potenzielle Mieter und Käufer nach Berlin kommen, sanieren und modernisieren Eigentümer Haus um Haus. Viele Alt-Bewohner können sich anschließend die Miete nicht mehr leisten.

An der Kopenhagener begann es mit einem Besitzerwechsel. Nach dem Tod des bisherigen Eigentümers verkaufen dessen Erben im Frühjahr 2013 das Haus an die Christmann Unternehmensgruppe. Die spezialisiert sich nach eigener Darstellung darauf, in historischer Bausubstanz exklusiven Wohnraum zu schaffen. Im Herbst werde einigen Bewohnern plötzlich fristlos gekündigt, so Ahlers und Fischer. Der Grund sei meist Mietrückstand - etwa weil mit dem vorherigen Eigentümer Mietminderungen vereinbart waren, die aber nicht schriftlich dokumentiert seien.

Kurz darauf wird eine umfassende energetische Sanierung angekündigt und üppige Mieterhöhungen für die Zeit danach. Ahlers und Fischer sollen statt 645 Euro künftig rund 2900 Euro zahlen. Die Mieter lehnen die Modernisierung ab, Christmann verklagt sie auf Duldung. Es sei zermürbend, unter solchen Bedingungen zu leben, sagt Fischer. Etwa die Hälfte der einst 45 Mieter habe eine Abfindung angenommen und sei ausgezogen. Damit gehe die Nachbarschaftlichkeit im Haus verloren, auf die Ahlers und Fischer großen Wert legen. Gemeinsam haben die Bewohner im Innenhof einen Spielplatz angelegt und ein jährlich stattfindendes Straßenfest namens »Nachbarsbraten« ins Leben gerufen. »Wenn Menschen wie wir verschwinden, verschwindet auch so etwas«, meint Fischer.

Das sei nicht ihre Absicht, betont die Christmann-Gruppe. »Wir wünschen uns sehr, dass es bei der spannenden sozialen Mischung im Gebiet rund um den Falkplatz bleibt«, hebt das Unternehmen auf Anfrage der dpa hervor. Der Kiez werde durch immer mehr schöne Fassaden aufgewertet. »Leider ziehen viele Mieter weg, bevor sie von diesem Prozess profitieren können«, bemerkt Christmann. Man wolle einvernehmliche Lösungen mit den Mietern finden. Leider sei das Verhältnis aber angespannt.

Christmann sagt, er wolle die Mieter nicht verdrängen. Doch gerade darauf ziele doch deren Geschäftsmodell ab, meint dagegen der für Prenzlauer Berg zuständige Baustadtrat des Bezirks Pankow, Jens-Holger Kirchner (Grüne). Die Möglichkeiten des Bezirks, das zu verhindern, seien jedoch beschränkt. Seit der Liberalisierung der Bauordnung vor zehn Jahren könnten Bauherren mit ihren Immobilien im Grunde tun, was sie wollen. Die Energieeinsparverordnung komme ihnen entgegen, ergänzt Kirchner. Sie erlaubt es, elf Prozent der Kosten einer energetischen Sanierung auf die Mieten umzulegen. Einen so guten Zins bekomme man bei keiner Bank.

Kirchner wünscht sich ein Verbot der Umwandlung von Miet- in Eigentumswohnungen in sogenannten sozialen Erhaltungsgebieten wie der Wisbyer oder Kopenhagener Straße. Eine solche Regelung gibt es bereits in Hamburg und München. Der Berliner Senat hat sie ebenfalls beschlossen. Die Verordnung liegt nach Kirchners Angaben nun im Koalitionsausschuss. Die CDU und manche in der SPD hätten jedoch andere Interessen. »Man kann das so übersetzen: Die Immobilienlobby arbeitet gut in Berlin«, meint der Bezirksstadtrat. dpa/nd

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