Immer wieder diese Briten ...

Joachim Whaley offeriert eine opulente Geschichte des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation

Grundlegende Standardwerke zur deutschen Geschichte werden im 21. Jahrhundert der Öffentlichkeit mit wachsender Tendenz von Lehrstuhlinhabern an britischen Universitäten präsentiert: Die voluminöse dreibändige Biografie Kaiser Wilhelms II., die keinen Winkel deutscher Reichspolitik zwischen den 1880er Jahren und 1918 unbeleuchtet lässt (auf Deutsch 2001 bis 2008), stammt von John Roehl, über Jahrzehnte Professor an der Universität von Sussex. Eine voluminöse Goebbels-Biografie erschien vor vier Jahren aus der Feder von Peter Longerich, Professor am Royal Holloway and Bedford New College der Universität London. Der gebürtige Australier Christopher Clark, der mit seiner Geschichte des Ersten Weltkrieges »Die Schlafwandler« im Jubiläumsjahr das deutsche Feuilleton beglückte, lehrt an der University of Cambridge. Vor kurzem kam auf den hiesigen Buchmarkt ebenfalls von einem Dozenten in Cambridge, von Brendan Simms, »Eine deutsche Geschichte Europas«. Und nun also in deutscher Übersetzung auch noch ein zweibändiges Monumentalwerk über die letzten drei Jahrhunderte deutscher Geschichte im Rahmen der Staatsrechtskonstruktion »Heiliges Römisches Reich Deutscher Nation«. Es ist dem profunden Wissen von Joachim Whaley entsprossen, seit 1985 Professor in Cambridge.

Die im deutschen Geschichtsbild mittels Schulbildung und populären Wissensspeichern präsente Vorstellung vom »Alten Reich« des späten Mittelalters und der frühen Neuzeit mit seinen Kaisern ist noch immer geprägt durch die auch von Leopold Ranke vertretene Auffassung. Sie verstand das auf den Karolinger Karl den Großen zurückgehende »Heilige Römische Reich Deutscher Nation« als Reinkarnation des Imperium Romanum. Es sei indes von seiner mächtigen Höhe in nachkarolingischer Zeit schmählich herabgesunken - um dann mit den rechtsrheinischen Herrschergeschlechtern der Ottonen, Salier und Staufer als »Deutsches Reich« glänzend wieder aufzuerstehen. Schließlich aber sei jenes durch innere Zwistigkeiten immer mehr zerfallen und derart schwach und widerstandsunfähig geworden, dass es dem Ansturm der in die Moderne drängenden Kräfte wie eine faule Frucht zum Opfer fallen musste.

Nachdem sich dann 1871 das Wilhelminische Kaiserreich den Deutschen als Garant für die Wiedergeburt der im Mittelalter strahlenden deutschen Größe präsentierte, war das »Alte Reich« auch offiziell tot - oder laut Heinrich Treitschke gar ein »Unstaat«. Dieser wurde fortan mit der vom Staatsrechtler Samuel Pufendorf 1667 geprägten Charakterisierung als »irgendwie irregulär und einem Monstrum gleich« abgestempelt. Wobei anzumerken ist, dass Pufendorf zu seiner Zeit bei den Gelehrten, darunter auch seine Kollegen Staatsrechtler, damit auf schärfste Ablehnung stieß und deshalb seinen Heidelberger Lehrstuhl 1668 freiwillig räumte.

Dem vor allem den Hohenzollern prächtig zupass kommenden Pufendorfschen Urteil ist von der deutschen Historiographie nach 1945 in Ost und West aus unterschiedlichen Gründen bereits maßvoll widersprochen worden. Das Opus magnum von Joachim Whaley rückt nunmehr jedoch das absichtlich schief gehängte Bild vom »Alten Reich« energischer und konsequenter zurecht. Dem geschmähten »Unstaat« wird zwei Jahrhunderte nach seinem Verschwinden eine gerechte Beurteilung zuteil. Mit profunder Kenntnis von Quellen und Literatur zeichnet der Autor ein präzises Gemälde einer Institution, die unter komplizierten Verhältnissen und nicht ohne Streitereien durch mehrere Jahrhunderte seine Hauptaufgaben wahrzunehmen vermochte: und zwar das Kerngebiet des deutschen Sprachraums gegen Angriffe von Ost und West erfolgreich zu verteidigen sowie ein hohes Maß an innerer Stabilität zu erreichen.

Freilich, es gab es mehrmals heftige Krisen, der Gipfel war ohne Zweifel der Dreißigjährige Krieg 1618 bis 1648, dem - anders als vom geschichtsschreibenden Mainstream rituell verkündet - nicht das eigentliche Ende des Reiches folgte, sondern dessen Konsolidierung als ausgleichende Instanz. Reichskammergericht, Reichshofrat, Reichstag, Reichskreise, Reichsarmee, Reichsexekution - das waren nicht, wie von borussischen Historikern zwecks Heiligsprechung der Hohenzollern wissenschaftlich verbrämt gepredigt, leere Worthülsen, sondern durchaus ernstzunehmende Herrschaftsmittel, mit denen aus einem Netzerk mittelalterlicher Familienverbände sukzessive ein Gemeinwesen geformt wurde, das zwar höchst ungewöhnlich strukturiert, aber wirksam war. Bei deren Ausleuchtung wird übrigens deutlich, dass das klassische Geschichtsbild vom 18. Jahrhundert, das den preußisch-österreichischen Gegensatz zum beherrschenden Thema des Säkulums macht, mit deutscher Reichsgeschichte nur begrenzt zu tun hat. Streng ins Gericht geht Whaley auch mit der Kohorte deutscher Landeshistoriker, die im 19. Jahrhundert zum Ruhme ihrer Dynastien die Territorialstaaten lobhudelnd überhöhten. Diese in der neueren deutschen Fachliteratur wieder anzutreffende Masche weist der britische Professor scharf zurück.

Zu den wahrlich unentbehrlichen Handbüchern zur deutschen Geschichte gehört dieses glänzende Werk zweifelsfrei. Der chronologische Spaziergang durch 300 Jahre deutscher Geschichte bietet nicht nur Erkenntnisse über die Reichspolitik, sondern blättert auch territoriale, Wirtschafts-, Kultur- und Geistesgeschichte auf, stets unter dem Aspekt, welche Rolle den Reichsinstitutionen hier zukam. Die den einzelnen Kapiteln leserfreundlich unmittelbar angehängten Anmerkungen verweisen auch auf Publikationen von DDR-Historikern. Im Zusammenhang mit seiner Sicht auf die Krisen im Zeitalter der Reformation geht der Autor explizit auf die in der DDR-Geschichtswissenschaft favorisierte Konzeption ein, Reformation und Bauernkrieg als Einheit zu sehen und als »frühbürgerliche Revolution« zu charakterisieren. Wenn Whaley sich von dieser Konzeption auch expressis verbis absetzt, sein Kapitel über die Jahre 1526 bis 1555 trägt nichtsdestoweniger die Überschrift »Die Revolution wird gezähmt«. Dass der neue Wissensspeicher auch noch in einer munteren und unterhaltsamen Sprache daher kommt sowie anspruchsvoll und gediegen ediert ist, macht ihn umso wertvoller. Ein exklusives Geschenk.

Joachim Whaley: Das Heilige Römische Reich Deutscher Nation und seine Territorien. Aus dem Engl. von Michail Haupt und Michael Saller. Verlag Philipp von Zabern, Darmstadt 2014. Bd. 1: Von Maximilian I. bis zum Westfälischen Frieden 1493-1648.Bd. 2: Vom Westfälischen Frieden bis zur Auflösung des Reichs 1648-1806. 1670 S, geb., Einführungspreis bis 31.1. 2015 129 €, danach 149 €.

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