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Hundert Mal Marxismus

Zur 100. Ausgabe der »Z. Zeitschrift Marxistische Erneuerung«

  • Von Christian Baron
  • Lesedauer: 3 Min.

Im Herbst 1989 jauchzte der westliche Kapitalismus vor Glück ob seines vermeintlichen Endsiegs, und die Marxisten in Ost und West, in Nord und Süd standen vor einem Trümmerhaufen. In vielerlei Hinsicht hatte der in der Russischen Revolution 1917 so hoffnungsvoll seinen Anfang genommene Sozialismus-Versuch deren Vorstellungen bereits seit vielen Jahren diskreditiert. Mit dem Mauerfall und dem späteren Ende der Sowjetunion jedoch schien sämtliches Zutrauen in eine weltweite Entwicklung hin zu sozialistischen Demokratien endgültig ein Fall für den Müllhaufen der politischen Ideengeschichte. Wer es seitdem wagt, auch nur zaghaft ernsthafte Alternativen zum autoritären Kapitalismus für wünschens- oder gar denkenswert zu halten, dem begegnet man mit der in naturwissenschaftlicher Gewissheit vorgetragenen Plumpheit: Sozialismus führe eben notwendigerweise zu Stalin, Stacheldraht und Schießbefehl.

Doch keine Bange: Die schwülstigen Feierlichkeiten zu 25 Jahren Krieg und Armut, die ein Ausmaß an Tod und Elend produziert haben, gegen die die Diktatur der DDR ein behagliches Familienpicknick gewesen ist, sollen hier nicht schon wieder thematisiert werden. Nein, Anlass für die erneuerte Erinnerung an die Zeit des Mauerfalls ist ein ganz und gar freudiger: Kürzlich erschien die 100. Ausgabe der »Z. Zeitschrift Marxistische Erneuerung«. Der Name des Journals war und ist Programm. Im Herbst 1989 kam dem Ökonomen Heinz Jung die Idee, eine Zeitschrift aus der Taufe zu heben, die das Gewesene kritisch auswertet, überdenkt, erneuert. Der Marxismus als politisches Programm mag tot sein, dachte man sich damals. Nun sind wir Linken aber erst Recht gefragt, uns wieder in die Studierstuben zurückzuziehen und neue Pläne, Strategien, Programme zu diskutieren und zu entwerfen. Und so hält es die Redaktion des vierteljährlich erscheinenden Periodikums seither: Auf hohem theoretischem Niveau ermöglicht die »Z« eine partei- und strömungsübergreifende Debatte der marxistischen Linken in Deutschland.

Das Jubiläumsheft fragt im Titel keck: »1974-2014 - Epochenumbruch?«. Facettenreich analysieren die Autorinnen und Autoren darin die neue Phase des Kapitalismus, markiert durch die Eckpunkte der ökonomischen Krisen 1974 und 2007ff. Von der Globalisierung über die Digitalisierung, die Umweltkrise, die herrschenden Klassenverhältnisse und die Postdemokratie bis hin zu möglichen Optionen der Linken beleuchten die Wissenschaftler das neoliberale Zeitalter. Darunter so verdiente Leute wie Dieter Boris, Joachim Bischoff und Frank Deppe. Letzterer formuliert zugleich das Motto, unter dem gerne auch die kommenden 100 Ausgaben der »Z« stehen dürfen: »Angesichts der zunehmenden Fragmentierung der Erfahrung von Herrschaft und Ungleichheit in den subalternen Klassen und Schichten der entwickelten kapitalistischen Gesellschaften des frühen 21. Jahrhunderts ist es eine zentrale Aufgabe der Linken geworden, die Auseinandersetzungen mit den verschiedenen Formen dieser Herrschaft - Klassenherrschaft und Ausbeutung in der Produktion und der Gesellschaft, patriarchalische Herrschaft und rassistische Diskriminierung - zusammenzuführen.«

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