Werbung

Wie mich das Abendland verfolgt

Emran Feroz über das Leben als Österreicher mit afghanischen Wurzeln

Bei uns droht die ABOkalypse!

Wir brauchen zahlende Digitalleser/innen.

Unterstütze uns und überlasse die Informationsflanke nicht den Rechten!

Mach mit! Dein freiwilliger, regelmäßiger Beitrag:

Was soll das sein

Wir setzen ab sofort noch stärker auf die Einsicht der Leser*innen, dass linker Journalismus auch im Internet nicht gratis zu haben ist – mit unserer »sanften« nd-Zahlschranke.

Wir blenden einen Banner über jedem Artikel ein, verbunden mit der Aufforderung sich doch an der Finanzierung und Sicherstellung von unabhängigem linkem Journalismus zu beteiligen. Ein geeigneter Weg besonders für nd-Online-User, die kein Abo abschließen möchten, die Existenz des »nd« aber unterstützen wollen.

Sie können den zu zahlenden Betrag und die Laufzeit frei wählen - damit sichern Sie auch weiterhin linken Journalismus.

Aber: Für die Nutzung von ndPlus und E-Paper benötigen Sie ein reguläres Digitalabo.

Egal, wie gut man den lokalen Dialekt spricht oder sogar die Tiroler Landeshymne singt, dunkle Haare und dichter Bartwuchs reichen auf Österreichs Straßen aus, um stets angestarrt und darauf angesprochen zu werden.

Seit einigen Wochen finden in Deutschland Demonstrationen statt. Die Menschen auf diesen Demonstrationen meinen, für das »Abendland« eintreten zu müssen, indem sie gegen Migranten, Muslime und Flüchtlinge hetzen. Für viele Deutsche scheint das neu zu sein. In meinem Fall ist das allerdings etwas anders.

Ich bin nämlich gar kein Deutscher, sondern Österreicher. In Deutschland lebe ich erst seit wenigen Jahren. Geboren und aufgewachsen bin ich im tirolerischen Innsbruck, einem Ort, an dem man mit schwarzen Haaren und fremd klingendem Namen niemals heimisch werden kann. Niemals.

Egal, wie gut man den lokalen Dialekt spricht oder sogar die Tiroler Landeshymne, mit der man schon zu Grundschulzeiten indoktriniert wurde, aufsagen kann, ein Murat, Mustafa oder eben ein Emran kann nie ein Tiroler sein. Auch kein Österreicher. Auch meine einstige Grundschullehrerin hatte mir das einst klargemacht. Nach den Anschlägen des 11. Septembers fragte sie mich, warum »die« das gemacht haben. Das klang ungefähr so als ob ich Mohammed Ata persönlich gekannt hätte oder meine tägliche Schulroute in Tora Bora anfangen würde.

Dunkle Haare und dichter Bartwuchs reichen auf Innsbrucks Straßen, um stets angestarrt und darauf angesprochen zu werden. Wenn man darauf hinweist, dass man doch nur den ebenfalls vollbärtigen Andreas Hofer, Tirols Nationalhelden, der einst im 18. Jahrhundert einen Bauernaufstand anzettelte und gegen Napoleons Truppen rebellierte, imitieren möchte, erntet man höchstens verdutzte Blicke. »Woher kennt da Auslända in Hofa?«, denken sich wohl die meisten. (Übersetzung: Woher kennt der Ausländer denn den Hofer?)

Als Mensch mit afghanischen Wurzeln fühle ich mich mit Hofer besonders verbunden. Der bärtige Rebell und seine Mitstreiter unterschieden sich nämlich kaum von Gruppierungen wie den afghanischen Taliban. Bevor die Bauern in die Schlacht zogen, wurde ihnen stets eingebläut, dass sie kurz davor seien, Märtyrer zu werden und dass das Paradies sie erwarte. Tatsachen, die der patriotische Tiroler über seinen Nationalhelden nicht gerne hört.

Von der Politik wird Andreas Hofer bis heute instrumentalisiert. Vor allem die rechtsextreme FPÖ (Freiheitliche Partei Österreichs) bezieht sich während ihrer Wahlkämpfe in Tirol immer wieder auf den bärtigen Helden. Ironischerweise macht sich zum gleichen Zeitpunkt Stimmung gegen andere Bartträger. Diese heißen dann wieder Murat oder Mustafa. Die FPÖ bezeichne ich übrigens bewusst als rechtsextrem. Mit reinem Populismus hat eine Partei, die seit Jahrzehnten gegen Migranten und andere Minderheiten hetzt und bewusst Neonazis in ihren Reihen duldet nämlich nichts mehr zu tun.

»Daham statt Islam« und »Abendland in Christenland« gehören zu den Standardslogans der FPÖ. Ihren Höhenflug erlebten die Freiheitlichen in den 90er-Jahren unter Jörg Haider. Haider machte aus seinem Fremdenhass keine Häme. Gegen Juden und Muslime hetzte er regelmäßig. Das Dritte Reich lobte er aufgrund seiner »Beschäftigungspolitik«. Später verließ Haider die FPÖ und gründete eine neue Partei. Vor wenigen Jahren kam er bei einem Autounfall um. Einige seiner Anhänger sind immer noch fest davon überzeugt, dass der israelische Geheimdienst Mossad für seinen Tod verantwortlich war. Dass der gute Jörg an jenem Abend einfach zu tief ins Glas geschaut hat, scheint ihnen zu unrealistisch.

Geführt wird die FPÖ seit einigen Jahren von Heinz-Christian Strache, einem Mann, der auf seinen Wahlplakaten stets strahlend blaue Augen hat. Im echten Leben sieht er deutlich heruntergekommener aus, während er oft und gerne mit einem Kruzifix posiert und vor der Überfremdung des Abendlandes warnt. Mittlerweile wählt jeder vierte österreichische Wähler die FPÖ. Grund genug für Strache, weiterhin von hohen Regierungsposten zu schwärmen. Ob ich meinen Pass unter einem Kanzler oder Minister Strache behalten will, weiß ich immer noch nicht.

Als es mich nach Deutschland verschlug, war ich anfangs erleichtert. In dem FPÖ-Österreich habe ich mich immer unwohler gefühlt. Doch auch hier ließen die selbsternannten Verteidiger des Abendlandes nicht lange auf sich warten. Mittlerweile brennen wieder Flüchtlingsheime – selbstverständlich alles Einzelfälle – während immer weniger Flüchtlinge aufgenommen werden.

Währenddessen fliegen Schweineköpfe auf Moscheen und Kopftuch tragende Mädchen meiden abends die Straßen.

Deutschland sollte stolz sein. Immerhin berichten mittlerweile auch internationale Medien – von Washington Post bis zum Guardian - über die 10.000 Rassisten, Islam-Hasser und Neonazis, die jede Woche in Dresden und anderswo aufmarschieren. Umso komischer ist die Tatsache, dass deutsche Medien über die gegenwärtige Lage überrascht zu sein scheinen. Dass man so gut wie jede Woche eine künstliche »Islamdebatte« konstruierte, stets irgendwelche Bart- und Kopftuchträger auf den Titelseiten abbildete und von »Mekka Deutschland« oder »Allah im Abendland« schrieb, scheint verdrängt worden zu sein.

Mittlerweile kann man den Untergang dieses Abendlandes kaum erwarten. Werte hat es nämlich keine mehr. In Wien wurde am vergangenen Donnerstag ein islamischer Kindergarten angegriffen – mit Pfefferspray. Zwanzig Kinder rangen auf der Straße nach Luft und mussten ins Krankenhaus gebracht werden. Vom Täter fehlt jede Spur. Der »Islamische Staat« war's ganz sicher nicht.

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!

Noch kein Abo?

Jetzt kostenlos testen!

14 Tage das »nd« gratis und unverbindlich als App, digital oder gedruckt.

Kostenlos bestellen