Vom Bauerndorf zum roten Quartier

Hannover-Linden war ein Zentrum der Arbeiterbewegung - heute erzielt die LINKE dort ein zweistelliges Ergebnis

  • Von Hagen Jung, Hannover
  • Lesedauer: 5 Min.
Rot, links, proletarisch, multikulturell: Attribute des von rund 40 000 Menschen bewohnten Stadtteils Linden in Hannover. In diesem Jahr feiert er sein 900-jähriges Bestehen.

»Die kommen aus der Fannystraße!« Rasch hatte sich das herumgesprochen im bürgerlichen Mietshaus in Hannover-Ricklingen, als die Arbeiterin Elise K. in den 1950er Jahren mit ihren Kindern dort einzog. Ob das was Schlimmes sei, habe er damals seine Oma gefragt, berichtet ein Zeitzeuge - und die Antwort bekommen: »Ja! Da wohnen die Kommunisten.«

»Da«, das war Linden. Der linke, der rote Nachbarstadtteil. Da wohnte »man« nicht! Der Nimbus einer armen Arbeitergegend, in der nur wenige Straßen bürgerliche Inseln für Gutbetuchte bildeten, ist verflogen. Bewahrt aber hat sich die »rote Ecke« der niedersächsischen Landeshauptstadt ihre Lebendigkeit und Solidarität. Hielt diese Solidarität einst die Arbeiterschaft zusammen, ist sie nun Ausdruck guten Miteinanders von Deutschen und Migranten, die 30 Prozent der Lindener bilden.

Als »besonders« empfinden die Lindener ihren Stadtteil mit seinen vielen kleinen Läden und Kneipen, mit Klubs, alternativen Treffpunkten und einem bunten kulturellen Angebot. Ein bisschen wie im Hamburger Schanzenviertel mag man sich hier fühlen oder wie einst am Prenzlauer Berg in Berlin. Von beidem hat Linden etwas, ist aber doch ganz eigen. »Charmant«, sagen viele. Gelegenheiten, das Besondere kennen zu lernen, bietet ein Programm, mit dem Linden 2015 zwölf Monate lang sein 900-jähriges Bestehen begeht. Vom Rückblick auf Linden als Bauerndorf über Radrennen und Kirchenmusik bis zu nächtlichen Besuchen bei Fledermäusen reichen die Jubiläumstermine. Angemessen spiegelt das Programm die jahrzehntelange Bedeutung Lindens als Lebensraum Tausender Industriearbeiter und -arbeiterinnen wider. So zum Beispiel bei Spaziergängen zum Thema »Arbeitergeschichte und sozialer Wandel im charismatischen Viertel« oder zur Erinnerung an den Metallarbeiterstreik von 1912, bei dem ein Arbeiterführer ertrunken aufgefunden wurde.

Wer an Arbeitergeschichte interessiert ist, findet in Ausstellungen allerlei Impulse zur Spurensuche. Nach Fabriken etwa. Nahezu 30 entstanden allein im 19. Jahrhundert in Linden. Der Zuzug von Arbeitskräften steigerte die Einwohnerzahl zwischen 1800 und 1875 von 1300 auf 23 000 Menschen. Doch die Produktionsstätten für Stoffe, Lederwaren, Lastwagen und vieles mehr sind fast ausnahmslos verschwunden.

Die 1911 errichteten Gebäude der Wurstfabrik Ahrberg gibt es noch, sie sind aber zu einem Wohn- und Gewerbegebiet umfunktioniert worden. Als markantes Zeugnis der Industrialisierung ist der umfangreiche Hangoma-Komplex erhalten, wo seit 1871 Lokomotiven, Autos, Baumaschinen und zur NS-Zeit auch Panzer und Kanonen gefertigt wurden. Fast 10 000 Arbeiter beschäftigte der Betrieb zeitweise. Inzwischen ist er insolvent.

Die großen Arbeitersiedlungen, in denen die Werktätigen der Hanomag und anderer Fabriken untergebracht waren, sind nur noch in den Ausstellungen auf Fotos zu sehen: graue Reihen kleiner Häuser. In vielen war es eng, in manchen gab es Wasser nur draußen aus der Handpumpe, musste das Klo auf dem Hof von mehreren Familien genutzt werden. All diese Viertel sind bis 1973 abgerissen worden, so auch die Siedlung an der Fanny-straße. Dort, wo »man« einst nicht hinzog, ziehen Besserverdiener mittlerweile gern hin: Die schlichten Behausungen mussten Wohnanlagen der »gehobenen Art« weichen. Zu sehen ist aber noch immer an zentraler Stelle in Linden, am »Küchengarten«, das große Badehaus, das die Stadt Hannover 1927 angesichts der schlechten hygienischen Verhältnisse in den Arbeiterquartieren bauen ließ. Für 20 Pfennige konnte dort geduscht, für 70 Pfennige ein Wannenbad genommen werden.

Nicht mit Wasser und Seife, sondern mit linkem Engagement die Lebensverhältnisse der Arbeiterfamilien verbessern - das wollten jene Menschen, die dem Stadtteil seine »rote Seele« verliehen und den aufkeimenden braunen Terror bekämpften. Antifaschisten, von denen einige namentlich beim Gang durch die Viertel zu entdecken sind. Mit einer Straße wurde beispielsweise Wilhelm Bluhm geehrt: Ein Arbeiter, der trotz oft patrouillierender SA- und Gestapo-Streifen in Linden die »Sozialistischen Blätter« verteilte, schließlich aber verhaftet und 1942 im KZ Sachsenhausen ermordet wurde.

Bluhm war Mitglied der gut 1000 Genossen zählenden »Sozialistischen Front«, die als größte deutsche Widerstandsgruppe gegen den Hitlerterror galt und ihren Schwerpunkt in Linden hatte. Federführend in ihr war der Redakteur Werner Blumenberg. An ihn erinnert die Gedenktafel an einer nach ihm benannten Lindener Wohneinrichtung für alte Menschen.

Eine Gedenktafel hat die Stadt Hannover auch an jenem Haus in Lindens Jacobsstraße anbringen lassen, in dem Kurt Schumacher 1945 mit dem Wiederaufbau der SPD begann. Die städtische Tafel verschweigt, dass seinerzeit im selben Haus ein weiteres politisches Büro seinen Sitz hatte: das der KPD in Niedersachsen.

»Rot sind die Fahnen, die über Linden wehen, rot werden sie bleiben«, schrieb 1932 die SPD-Zeitung »Volkswille«. Lang ist das her. Doch verschwunden ist das Rot keineswegs aus dem Stadtteil, trotz einiger teurer Schickimicki-Domizile. Linke Initiativen sind aktiv in Linden, und auch die Linkspartei hat dort viele Anhänger. Nur in diesem Bezirk Hannovers erzielte sie bei der jüngsten Kommunalwahl ein zweistelliges Ergebnis.

Auch der Wille zum Widerstand ist nicht erloschen in Linden. So entfachten etwa die Schließungen einer öffentlichen Bücherei und eines Freibades heftige Reaktionen der Bevölkerung. Und massiven Protest gab es immer wieder gegen den Abriss alter Häuser, gegen Kahlschlagsanierung und gegen Pläne von Immobilienspekulanten, die zu Mietsteigerungen und damit zum Verdrängen vieler finanzschwacher Lindener führen könnten. Nicht ohne Grund gibt es auch ein »Rotes Fest gegen Wohnungsnot« im 900-Jahre-Programm.

Das Programm im Internet unter: www.900jahrelinden.de /2978/programmflyer-1-halbjahr/

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