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Ein Zug wird kommen

Niedersachsens Landesregierung prüft die Reaktivierung stillgelegter Gleisstrecken

  • Von Michael Evers, Hannover
  • Lesedauer: 3 Min.
Bahnfahren ist für viele wieder zu einer Alternative zum Auto geworden. Niedersachsen prüft deshalb die Reaktivierung stillgelegter Strecken. Doch nicht in allen Kommunen ist man begeistert.

Jahrelang schien der Zug vielerorts in Niedersachsen für immer abgefahren: Als Verkehrsmittel Nummer eins hatte das Auto die oft betagten Bahnen ins Aus gedrängt, die nach ausgedünnten Fahrplänen heruntergekommene Stationen ansteuerten. Nun aber gibt es eine Kehrtwende. Nach Millioneninvestitionen in moderne Züge und Bahnhöfe sind die Pendlerzahlen auch abseits der Großstädte in die Höhe geschnellt. Das rot-grün regierte Land will deshalb stillgelegte Strecken reaktivieren und in Kürze aus acht Kandidaten geeignete Verbindungen benennen. Die Aussicht auf einen neuen Bahnanschluss freut aber nicht alle Kommunen - sie sollen nämlich ein Viertel der Kosten tragen.

Laut Landesverkehrsminister Olaf Lies (SPD) sollte die externe Begutachtung mit Jahresbeginn abgeschlossen sein. Für eine oder vielleicht zwei Strecken rückt damit ein Neustart näher - und ein Fahrbetrieb für mindestens 20 Jahre. »Das heißt nicht, dass die anderen Strecken nicht von Interesse sind.« Einige der geprüften 25 Strecken seien für Güterzüge oder den Touristenverkehr interessant - Gleise liegen oft noch.

Mit Petitionen protestierten Städte und Kreise vor Jahren gegen die Schließung von Bahnstrecken - nun ist trotzdem nicht jedem ein Neustart recht. So gibt es in der Lüneburger Kreisverwaltung keine positive Resonanz auf eine Reaktivierung der Strecke nach Soltau. »Wir haben kein Interesse daran, unsere Kommunen auch nicht«, erklärt Landrat Manfred Nahrstedt (SPD). Grund sind die finanziellen Lasten.

»Die Initiative ist gut, aber was, wenn wir uns das gar nicht leisten können«, fragt sich auch Johannes Freudewald, der Sprecher des Kreises Harburg, wo es um die Strecke Buchholz-Maschen geht. Wegen der wachsenden Pendlerströme brenne den Kommunen das Thema unter den Nägeln. »Diese Chance will sich keiner verbauen.« Die an der Strecke liegenden Kommunen Seevetal und Jesteburg aber seien verärgert, dass sie zu dem Projekt gar nicht gefragt wurden. Zur Finanzierung habe Minister Lies auch auf Nachfrage keine klaren Daten liefern können.

Andere Kommunen reagieren abwartend auf ein Comeback der Bahn. »Ins Blaue hinein stellen wir keinen Betrag in den Haushalt ein«, sagt auch Gisela Noske, die Sprecherin vom Zweckverband Großraum Braunschweig, der bei einer Reaktivierung der Strecken nach Salzgitter-Fredenberg sowie von Braunschweig nach Harvesse gefragt wäre.

»Wir wollen schauen, welches Potenzial es gibt«, sagt dagegen der Erste Schaumburger Kreisrat Klaus Heimann. Vor wenigen Jahren noch wollte die Politik die nur noch von Museumszügen und gelegentlichen Güterfahrten genutzte Trasse von Rinteln nach Stadthagen aufgeben, dann aber besann man sich anders. »Wir haben die Strecke bewusst erhalten, es gab einen politischen Konsens, die Infrastruktur zu sichern.« Wenn man auf eine parallel fahrende Buslinie verzichtet, lohnt sich vielleicht wieder der Einsatz eines Triebwagens. Für eine Wiederanbindung der Stadt Einbeck an die Eisenbahn ziehen Stadtverwaltung und Kreis Northeim an einem Strang, sagt Landratssprecherin Claudia Hiller in Northeim. Auf 300 000 Euro belaufen sich die nötigen Investitionen, hat der Betreiber der von Ausflugszügen genutzten Stichstrecke schon berechnet.

Am weitesten gediehen sind die Vorbereitungen bei den aussichtsreichsten Kandidaten, den Strecken nach Nordhorn und Aurich. Was den Anschluss nach Nordhorn angeht, ist die kreiseigene Bentheimer Eisenbahn für einen Neustart des Personenverkehrs schon in Vorleistung getreten, sagt Stadtentwicklungsdezernent Michael Kiehl. Seit Jahren wird in die von Güterzügen genutzte Strecke investiert. »Wir haben einen großen Konsens über Parteigrenzen hinweg, dass das Projekt verfolgt werden soll.« Ein großes Fahrgastpotenzial wird zwischen Bentheim, Nordhorn und Neuenhaus erwartet, die Niederländer sähen den Zug gerne bis zum Endpunkt in Coevorden durchfahren. dpa/nd

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