Werbung

Mensch, empört Euch doch endlich!

  • Von Roberto J. De Lapuente
  • Lesedauer: 3 Min.

Echt jetzt? Ihr wollt Geld von mir?

Ja, herrgottnochmal, es kostet!

Auch, wenn's nervt – wir müssen die laufenden Kosten für Recherche und Produktion decken.

Also, mach mit! Mit einem freiwilligen regelmäßigen Beitrag:

Was soll das sein

Wir setzen ab sofort noch stärker auf die Einsicht der Leser*innen, dass linker Journalismus auch im Internet nicht gratis zu haben ist – mit unserer »sanften« nd-Zahlschranke.

Wir blenden einen Banner über jedem Artikel ein, verbunden mit der Aufforderung sich doch an der Finanzierung und Sicherstellung von unabhängigem linkem Journalismus zu beteiligen. Ein geeigneter Weg besonders für nd-Online-User, die kein Abo abschließen möchten, die Existenz des »nd« aber unterstützen wollen.

Sie können den zu zahlenden Betrag und die Laufzeit frei wählen - damit sichern Sie auch weiterhin linken Journalismus.

Aber: Für die Nutzung von ndPlus und E-Paper benötigen Sie ein reguläres Digitalabo.

Die Folterdetails waren starker Tobak. Die Reaktionen darauf auch. Oder sagen wir lieber so: Dass es eigentlich so gut wie keine Reaktion gab, war vielleicht der schlimmste Aspekt in dieser Angelegenheit. Wir sind so abgebrüht geworden, uns empört nichts mehr. Das ist auch Folter.

Aber jetzt! Jetzt muss doch mal ein Ruck durch die Bevölkerung gehen, dachte ich mir. Wenn ich ab und an mal mein pessimistisches Naturell vergesse, kommt es zuweilen schon vor, dass ich in unreflektierten Optimismus verfalle. Und dann male ich mir aus, dass bestimmte Hiobsbotschaften, die man uns überbringt, endlich mal zur kollektiven Aufwache führen. Als der CIA-Folterbericht das Licht der Welt erblickte, glaubte ich mal wieder, nun sei es so weit. Man hatte zwar vorher schon gewusst, dass im Namen der Menschenrechte gefoltert wurde - aber jetzt hatte es ja immerhin der Auslandsgeheimdienst selbst offenbart. Das musste doch Wirkung zeigen.

Es gab dann natürlich einige Berichte. Ansonsten blieb es ruhig. Kein #Aufschrei im Internet. Die Artikel, die sich des Themas annahmen, banden auch nicht mehr Leserkommentare als andere. Kein Minister sah sich aufgerufen, mal etwas Kritisches anzumerken. Von der Kanzlerin war eh nichts zu erwarten gewesen. Und in meinem Umfeld kein Sterbenswörtchen dazu. Es zuckte nur mit den Schultern, wenn ich versuchte, das Gespräch dorthin zu lotsen. Es schien mir zu sagen: So ist die Weltordnung nun mal. Da kann man nichts machen. Wer sich empört ob solcher Nachrichten, dem zwinkern diejenigen zu, die sich besonders gut mit dem Ist-Zustand abgefunden haben und sagen, dass man das doch eh immer gewusst habe. »Überrascht dich das etwa?« Und flugs wird man als Naivling hingestellt, der sich noch entrüstet, wo er sich schon lange hätte abfinden müssen.

Dass wir bei Folterberichten und Co. so abgebrüht geworden sind, ist durchaus auch ein Akt der Folter. Seelische Folter an der Idee der Menschlichkeit gewissermaßen. Es ist die sensorische Deprivation mit der man den heiligen Zorn exekutiert. Die Isolationshaft für die Entrüstung. Dunkelhaft, in die man die Leidenschaftlichkeit und den Gerechtigkeitssinn verabschiedet. Die Empathie als Grundlage für Menschenwürde scheint von weißer Folter überrannt worden zu sein.

Das Mitgefühl leidet an Reizüberflutung. Es verliert sich zwischen Verdummung und einem Alltag, der in der Ellenbogengesellschaft ziemlich anstrengend sein kann. Und so stellt sich die Unempfindlichkeit ein. Man schottet sich ab und macht sich gegenüber solchen Meldungen immun. Es wird resigniert. Die Seele baumelt fatalistisch. Kommt mit einer Apathie um die Ecke, die so tut, als sei sie nicht phlegmatisch, sondern Ausdruck höchster Lebensweisheit. Man vermittelt den Eindruck, als sei man im Reinen mit der Beschissenheit dieser amtierenden Weltordnung. Lässt zynische Coolness walten, wo heiße Herzen notwendig wären. Der Empörte freilich, der, der sich nicht abfinden will, der sollte mal lernen kälter zu werden, sich mehr auf sein eigenes Leben konzentrieren, seine innere Mitte finden. Man rät ihm Gelassenheit und lässt ihn dastehen wie einen, der nicht ganz richtig tickt, weil er noch Vorstellungen jenseits dieser Realität hat.

Vielleicht gehen diesem cool-resignativen Lebensgefühl all die miesen Nachrichten nicht gleich runter wie Öl. Aber wie ein schlecht gekautes Leberwurstbrot allemal. Man schlingt es hinunter. Würgt dabei ein bisschen. Dann schluckt man es. Und zuletzt hat man es doch gefressen. Man hat uns allen auch beigebracht: »Iss deinen Teller leer, sonst gibt es keinen Nachtisch.« Wenn aber etwas ungenießbar ist, sollte man den Brocken lieber ausspucken. Und sich darüber entrüsten, was man da aufgetischt bekam. Man hat uns vielleicht in die Alternativlosigkeit verbannt und »Friss oder stirb« als das Leitmotiv gewählt. Aber das sollte uns nicht beeindrucken. Denn wem Menschenrechte, Demokratie und Gerechtigkeit etwas bedeuten, der kotzt Unverdauliches zurück aufs Teller und bestellt den Koch an den Tisch und sagt nicht cool: »Danke, ich habe nichts anderes erwartet.«

Empört Euch doch endlich! Langsam wird es Zeit ungehalten zu werden, findet ihr nicht?

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!