Von Thomas Blum

Alles wollen

»Charlie Hebdo«

Ein Dschihadist und ein Faschist kommen in eine Kneipe. Der Dschihadist hat einen Kaffeewärmer, der Faschist ein Deutschlandhütchen auf dem Kopf. Sagt der Faschist zum Dschihadisten: Es kommt nicht darauf an, was wir auf, sondern darauf, was wir im Kopf haben: nämlich Grütze! Nein, Quatsch. Fangen wir noch mal von vorne an. Also: Der Dschihadist und der Faschist haben etwas gemeinsam. Sie wollen die Welt, die ein Jammertal ist, lieber heute als morgen in einen Folterknast verwandeln. Alles, was im Laufe einiger Jahrhunderte den Despoten und Pfaffen mühsam abgetrotzt wurde, was denkende und fühlende Menschen schätzen, wollen sie in den Staub treten, zerstören, aus der Welt schaffen: das selbständige Denken, die Freiheit der Rede, die Kritik, die Kunst, den Humor, die Wahrheit, das Leben.

An deren Stelle wollen sie die Lüge setzen bzw. halt irgendeines ihrer ebenso brummdummen wie hundsgemeinen, straff durchorganisierten Dorfdeppen- oder Hausmeistersyteme einführen, die Barbarei, die Angst, die Rechtlosigkeit, heiße diese nun Scharia oder Volksgemeinschaft. Kurz: genau den Schafscheiß eben, dessen Gestank nicht nur die militanten religiösen Fanatikervereine umweht, sondern auch die Pegida-Stammtische und Neonazi-Hobbykeller.

Diese Milieus wollen den Menschen rückverdummen, ihn zum willfährigen, ängstlichen Knecht, zum devoten Grüßaugust, zum Schaf machen. Ihre Mittel sind die Verblödung, die Einschüchterung, die Gewalt.

Die Publikation »geschmackloser« und »religiöse Gefühle verletzender« Texte und Bilder ist ein Recht, das es zu schützen gilt. Worte und Bilder sind das einzige, was wir haben, um uns gegen die permanenten Zumutungen einer sich immer mehr verfinsternden Wirklichkeit zur Wehr zu setzen, um ein Quäntchen Wahrheit in den uns umgebenden Verblendungs- und Verblödungszusammenhang zu tragen. Die Trostlosigkeit der Zustände nicht ändern zu können, ist eine Sache. Darauf zu verzichten, diese Zustände fortwährend zu benennen, zu verspotten und ihre Erbärmlichkeit zu verlachen, eine andere. Der Satiriker Oliver Maria Schmitt sagte am Mittwoch dem »Journal Frankfurt«: »Satire ist Kritik mit komischen Mitteln, sie muss immer alles wollen und dürfen.«

Die Aufgabe des Kritikers ist es, Kritik zu üben. Auch wenn diese keinerlei Wirkung zeigt. Wichtig ist, dass sie in der Welt ist. Damit die Arschgeigen sich ärgern.

Tim Wolff, Chefredakteur des Satireblatts »Titanic«, schrieb in einem am Donnerstag veröffentlichten Beitrag: »Fanatiker, speziell religiöse, verachten Komik. Sie vertreten eine todernste, einzige ewige Wahrheit, und der Witz - egal wie klug oder lustig er im Einzelfalle sein mag - bedroht diese Wahrheit. Religion (und so manch andere Weltanschauung) ist Wahnsinn im Kleide der Rationalität, Satire und Komik Rationalität im Kleide des Wahnsinns. Das eine muss das andere missverstehen. Deshalb werden Vertreter des heiligen Ernstes der Komik stets mit Zorn begegnen.« Sorgen wir dafür, dass es so bleibt. Lassen Sie die Pointen knallen! Seien Sie blasphemisch! Es soll ja nicht langweilig werden.

Artikel weiterempfehlen und ausdrucken