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Digital ist besser

... und nicht nur Internet. Die gesellschaftliche Linke muss endlich im zweiten Maschinenzeitalter ankommen. Ein Kommentar von Tom Strohschneider

  • Von Tom Strohschneider
  • Lesedauer: 5 Min.

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Als vor über 100 Jahren die Elektrizität in den Fabriken eingeführt wurde, um dort die Dampfkraft abzulösen, änderte sich in größerem Maßstab zunächst erst einmal überraschend wenig. Es gab zwar nicht mehr so viel Qualm, aber anfangs kaum mehr Produktivität. Erst ein paar Jahrzehnte später machte sich die Einführung der neuen Basistechnologie durchschlagend bemerkbar - sie veränderte die ganze Welt.

Folgt man den beiden Wirtschaftswissenschaftlern Erik Brynjolfsson und Andrew McAfee befinden wir uns derzeit mitten in einem ähnlichen Sprung. Computer und Internet gibt es inzwischen schon eine ganze Weile, neue Informations- und Kommunikationstechnologien haben seit den 1970er Jahren die Welt gravierend verändert. Aber das ist nur ein kleiner Vorgeschmack auf das, was jetzt noch kommt.

Die anhaltend exponentielle Weiterentwicklung der Computertechnologie, die immer größer werdende Menge an nutzbaren Daten (nicht nur für Überwachung) und die treibende Innovation durch Neukombination von Erfindungen »sorgen für Durchbrüche, die Science Fiction zum Alltag machen und dabei selbst unsere jüngsten Erwartungen und Theorien in den Schatten stellen«, schreiben Brynjolfsson und McAfee in »The Second Machine Age«.

Und mehr noch: selbst fahrende Autos, brauchbare humanoide Roboter, 3D-Drucker und so fort sind nicht etwa schon die Krone der digitalen Schöpfung, sondern erst der Anfang unseres neuen Lebens. Wir befinden uns gewissermaßen in derselben Ära, in der die alten Fabrikmanager mit ihrem Dampfkraftwissen in Rente gehen und Nachfolgern Platz machen, die bereits mit der Elektrizität aufgewachsen sind und deren Potenziale ganz anders betrachten. Die Fabriken von heute, ganze Wertschöpfungsketten, werden sich auf revolutionäre Weise verändern. Die Zusammensetzung von sozialen Milieus und Klassenfragmenten ebenfalls - und damit auch die Grundlage für politische Interessensartikulation.

Kurzum: Das zweite Maschinenzeitalter, so ein Begriff von Brynjolfsson und McAfee, stellt neue Fragen, auf die die gesellschaftliche Linke nicht mit alten Antworten reagieren kann.

Laut einer aktuellen Umfrage unter Eltern glauben 67 Prozent, dass bereits immer mehr Tätigkeiten Computern und Maschinen übernehmen, wenn ihre Kinder berufstätig werden. 46 Prozent fürchten, dass die Jobs immer unsicherer werden. 40 Prozent meinen, es werde immer weniger Stellen geben, für die eine geringere Qualifikation ausreicht. In der Unternehmenslobby und in Teilen der Politik wird unter Schlagwörtern wie Industrie 4.0 oder neue Automatisierung bereits über die politische und gesetzgeberische Begleitung der laufenden technologischen Revolution diskutiert. Es werden Pflöcke in eine sich schnell verändernde Landschaft eingeschlagen, an denen in den kommenden Jahrzehnten neue Regeln angebracht sein werden. Viele Menschen werden ihre Stellen verlieren, weil ihre Arbeit von Maschinen übernommen wird. Zentrale Steuerungen werden durch kleinere, sich selbst regulierende Prozesse ersetzt. Produktion und IT verschmelzen.

Die gesellschaftlichen Veränderungen, die damit einhergehen, können kaum vorausgeahnt werden. Doch die politische Auseinandersetzung darum, wo Schutzzäune für Beschäftigte und Kunden eingezogen werden müssen - aber auch: wo die Befreiungspotenziale neuer Technologien gegen Kapitalinteressen und Beharrungskräfte verteidigt werden müssen, diese Auseinandersetzung hat längst begonnen.

Die Gewerkschaften haben »die großen Herausforderungen für die Arbeitswelt im digitalen Zeitalter 2015 zu einem Schwerpunkt« gemacht (ver.di-Chef Frank Bsirske). Die IG Metall diskutiert über Arbeitsschutz und Jobgarantie im Zeitalter der Roboter. Beim DGB-Bundesvorstand hat man erkannt, dass die Digitalisierung »nicht nur ein wirtschaftlicher, sondern ein gesellschaftlicher und auch ein politischer Megatrend« ist. Es sind Gespräche mit Fachgruppen von SPD und Union geplant, heißt es. Laut Angela Merkel werden in den neuen Technologien »weit mehr Jobs entstehen, als Jobs wegfallen durch Digitalisierung in der klassischen Wirtschaft« - was das Wirtschaftsministerium von Sigmar Gabriel anders sieht, zumindest im Übergang könne es zu einer negativen Jobbilanz kommen.

Die gesellschaftliche Linke hat die Digitalisierung schnell als Herausforderung erkannt - aber der Begriff, den sie sich von der Entwicklung macht, ist zu begrenzt. Das hat auch mit dem Aufstieg (und Fall) der Piraten zu tun, die Politik aus der Perspektive des Computernutzers machten - nicht aus der Perspektive des Lohnabhängigen und des Industriepolitikers. Auch andere Parteien überwanden diese Beschränkung zunächst nicht. Im Programm der Linkspartei zum Beispiel, tauchen die Begriffe Automatisierung und Roboter gar nicht auf. Digitalisierung ebenso wenig. Wo es um das digitale Zeitalter geht, stehen Fragen von Datenschutz, Demokratie und den Alltagsproblemen im medialen Dorf im Vordergrund.

Das ist nicht falsch, es reicht nur nicht. In den 1990er Jahren sorgte die Band Tocotronic mit der Platte »Digital ist besser« für ihren ersten großen Erfolg. Ob digital für die Menschen besser ist, wird eine Frage der politischen und gewerkschaftlichen Kämpfe darum sein. Es geht um Arbeitsbedingungen, um Sozialstaatlichkeit für Menschen in Zeiten arbeitender Maschinen, vielleicht auch um eine ganz neue, andere Debatte über ein Grundeinkommen, um Haftungsfragen und neue Regeln für den Alltag, um die großen Möglichkeiten solidarischer, kleinräumiger Produktion, um eine Digitalisierungsdividende, die das Kapital nicht freiwillig der Gesellschaft überlassen wird. Es geht natürlich um Datenschutz und Grundrechte - auch, nicht nur.

Wer diese Auseinandersetzungen, die längst laufen, führen will, muss jetzt schnell theoretisch und programmatisch im zweiten Maschinenzeitalter ankommen. Sonst bestellen andere die Felder der Zukunft - und die gesellschaftliche Linke kommt allenfalls noch rechtzeitig, um Abwehrschlachten zu führen.

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