Von Rudolf Stumberger, München

Schweigeminute für die Opfer

NSU-Prozess hört Zeugen zu Bombenanschlag / Kundgebung der Initiative Keupstraße

Erstmals berichten im NSU-Prozess Opfer von den verheerenden Folgen des Kölner Nagelbombenanschlags in der Keupstraße. Vor dem Gerichtsgebäude bekundeten mehr als 100 Menschen ihre Solidarität mit den Betroffenen.

Während im Justizzentrum in München der NSU-Prozess mit der Zeugenvernehmung zum Bombenanschlag in der Kölner Keupstraße beginnt, spannt sich vor dem Gebäude ein weißes Transparent über die Straße. Auf ihm sind die vielen Namen der Opfer neonazistischer Gewalttaten zu lesen. Dahinter demonstriert die Initiative »Keupstraße ist überall« mit einer Kundgebung ihre Unterstützung und Solidarität mit den Anschlagsopfern. »Rassismus ist das Problem«, lautet eine der Parolen.

Seit vergangener Woche wird im Münchner NSU-Prozess der Nagelbombenenanschlag in der Kölner Keupstraße verhandelt, am Dienstag sagten dazu die ersten Zeugen aus - und schilderten in eindringlichen Worten ihre körperlichen und seelischen Leiden. Zugleich erhoben die beiden Zeugen Sandro D. und Melih K. Vorwürfe gegen die Kölner Polizei - weil sie damals trotz ihrer schweren Verletzungen zunächst als Verdächtige betrachtet wurden. Der mit mindestens 702 Zimmermannsnägeln bestückte Sprengsatz war am 9. Juni 2004 vor einem Friseursalon in der von türkischen Migranten geprägten Straße explodiert. 22 Menschen wurden verletzt. Viele Jahre lang, bis zum Auffliegen des »Nationalsozialistischen Untergrunds« im Herbst 2011, tappten die Ermittler im Dunkeln. Mittlerweile geht die Anklage davon aus, dass die mutmaßlichen NSU-Terroristen Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt den Sprengsatz dort deponiert haben. Beate Zschäpe, einzige Überlebende des NSU-Trios, steht als Mittäterin vor Gericht.

Sandro D. und Melih K. befanden sich damals direkt neben dem Fahrrad mit der Bombe, als diese explodierte. Beide kamen mit schwersten Verletzungen ins Krankenhaus. In Notoperationen mussten ihnen mehrere Nägel entfernt werden. Bei Sandro D. steckte einer der zehn Zentimeter langen Nägel im rechten Oberschenkelknochen. Unter den Folgen leiden beide bis heute - körperlich und psychisch. Beide befinden sich nach wie vor in Psychotherapie.

Nur ein paar Kilometer Luftlinie vom Justizzentrum entfernt liegt die Trappentraustraße Nr. 4 - hier wurde am 15. Juni 2005 Theodoros Boulgarides in seinem Schlüsseldienstgeschäft mit der NSU-Waffe ermordet. Es ist 10.45 Uhr, als Aktivisten der Keupstraßeninitiative hier eine Schweige Minute einlegen. Zuvor hatte Mitat Özdemir an der in der Hauswand eingelassenen Gedenktafel einen Kranz angebracht. »Kein Opfer ist vergessen«, steht auf einer Schleife. Der 67-jährige Özdemir ist einer der Kaufleute aus der Keupstraße, sein Sohn radelte drei Minuten vor der Explosion am Ort des Anschlags vorbei. Özdemir lebt seit 48 Jahren in Deutschland, doch seit jenem Juni 2004 ist für ihn Deutschland nicht mehr wie zuvor. Mit den Opfern des NSU-Terrors fühlt der sich verbunden. »Wir wollen die Menschen nicht alleine lassen«, sagt er.

Im Gerichtssaal 101 bestätigt Zeuge Melih K. inzwischen, dass er schon damals bei einer Befragung den Verdacht geäußert habe, dass die Tat einen rassistischen Hintergrund gehabt haben und ein »Ausländerhasser« am Werk gewesen sein könnte. »Da braucht man kein Ermittler sein.« In der Mittagspause erklärt Stefan Kuhn, Rechtsanwalt der Nebenklage, draußen vor den Kundgebungsteilnehmern, die Brutalität und Vorgehensweise der Tat spreche für sich, sie wurzele in einer Ideologie aus Hass und Menschenverachtung.

Es ist 13 Uhr, als ein weiteres Opfer der Keupstraße in einer Pressekonferenz der Unterstützer über den 9. Juni 2004 spricht. Er saß damals im Frisiersalon nur eineinhalb Meter von der Bombe entfernt, seine Verletzungen rührten vor allem von der zersplitternden Schaufensterscheibe her. Kemal K. kam im Jahr 2000 als politischer Flüchtling aus der Türkei nach Deutschland, voller Hoffnungen. Die zerstoben in der Bombenexplosion, seitdem hat er sich von seinen sozialen Kontakten zurückgezogen. Alles Gewalttätige und Militärische macht ihm seitdem große Angst, ein Problem, das sich zuspitzt: Er soll in der Türkei seinen Wehrdienst ableisten. Diesen Mittwoch ist Kemal K. als weiterer Zeuge vor Gericht geladen. Es sind mehrere Verhandlungstage angesetzt.

Die »Initiative Keupstraße ist überall« ist Teil des bundesweiten Aktionsbündnisses »NSU-Komplex auflösen!«, das am Dienstagabend zu einer Demonstration in München aufrief. »Mit der heutigen Kundgebung möchten wir die Opfer rassistischer Gewalt stärken und ihnen eine Plattform geben, über ihre Erfahrungen zu berichten«, so eine Sprecherin.

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