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Eine Saalschlacht in Moabit

Während einer Gerichtsverhandlung in Berlin 1968 riefen antiautoritäre Linke zum »Aufstand gegen die Nazi-Generation«

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Am 23. Januar hat man das Recht dazu, den 47. Jahrestag der sogenannten »Moabiter Saalschlacht« zu feiern. Sie fand infolge zweier Strafprozesse im Zusammenhang mit der Kriminalisierung der vielfältigen Proteste gegen die Aufführung des Filmes »Africa Addio« vor einem Kino am Kurfürstendamm statt. Dem Film wurde von Aktivisten der in Westberlin in Entstehung begriffenen Jugend- und Studentenbewegung der Vorwurf der »Rassenhetze« gemacht.

Die Polizei griff zu und tätigte eine Vielzahl von Festnahmen, aus denen Anklagen wegen Auflauf und Widerstands gegen die Staatsgewalt, Hausfriedensbruch und Sachbeschädigung resultierten. In der ersten Instanz wurde unter anderem der Mitbegründer der Kommune I, Volker Gebbert, vom Amtsgericht Tiergarten zu 200 DM Geldstrafe verurteilt.

Der zweite Strafprozess gegen neun Angeklagte fand im Januar 1968 vor dem Landgericht Moabit unter Vorsitz des Richters Kurt Gente statt. Dessen Mitgliedschaft in der NSDAP war erst am 8. Mai 1945 erloschen. Sein Sohn Peter erinnerte sich noch im Jahre 2007 daran, wie antisemitisch es bei ihm zu Hause zu ging.

Im Verlauf der turbulenten Verhandlung versuchte der Angeklagte Bernd Kramer dem Vorsitzenden Richter das von Adolf Hitler publizierte Buch »Mein Kampf« zu überreichen, was jedoch misslang. Als Richter Gente am 23. Januar zur Urteilsverkündung anhob, explodierten Knallkörper und aus dem Publikum wurden kleine gelbe Flugzettel in den Saal geworfen. Der Zettel hatte folgenden Inhalt:

Organisieren wir den Ungehorsam gegen die Nazi-Generation!
Ehemalige Nazi-Richter wollen über uns ›Recht‹ sprechen. Ausgerechnet der Moabiter Amtsrichter Gente – einst Mitglied der Nazi-Partei – will unsere Kommilitonen ›verurteilen‹, die gegen den faschistischen Rassenhetzerfilm Africa Addio protestiert haben.
Aber wir haben noch schlimmeres als diesen Gente: Wir haben sogar einen ehemaligen Nazipropagandisten als Bundeskanzler!
Unsere Geduld muss jetzt ein Ende haben: Machen wir Schluss damit, dass nazistische Rassenhetzer, dass die Juden-Mörder, die Slawen-Killer, die Sozialisten-Schlächter, dass die ganze Nazi-Scheiße von gestern weiterhin ihren Gestank über unsere Generation bringt.
Holen wir nach, was 1945 versäumt wurde. Treiben wir die Nazi-Pest zur Stadt hinaus. Machen wir endlich eine richtige Entnazifizierung. Heizen wir ihn so ein, dass ihnen die fetten Gehälter, Dividenden und Pensionen, die sie für ihre Verbrechen von gestern verschlingen, im Halse stecken bleiben!
Nazi-Richter, Nazi-Staatsanwälte, Nazi-Gesetzgeber aller Couleur, Nazi-Polizisten, Nazi-Beamte, Nazi-Verfassungsschützer, Nazi-Lehrer, Nazi-Professoren, Nazi-Pfaffen, Nazi-Journalisten, Nazi-Propagandisten, Nazi-Bundeskanzler, und nicht zuletzt gegen Nazi-Kriegsgewinnler, Nazi-Fabrikanten, Nazi-Finanziers.
Verweigern wir uns total den Nazis. Befolgen wir keine ihrer Anweisungen. Sagen wir ihnen, dass wir sie bestenfalls ignorieren können. Damit legen wir den gesamten Apparat dieser miesen Gesellschaft lahm, denn er besteht – bezeichnenderweise – zu einem lebenswichtigen Teil aus den alten Nazis.
Mobilisieren wir die permanente Anti-Nazi-Kampagne
Bereiten wir den Aufstand gegen die Nazi-Generation vor.

Das Original des Flugzettels im DIN-A6-Format ist heute so wertvoll geworden, dass man dafür im Roten Antiquariat in der Berliner Rungestraße sage und schreibe 10 Euro berappen muss. Doch wenn es dort vergriffen sein sollte, so findet es sich in dem dicken Katalog zu einer großen 1968-Ausstellung des Deutschen Literaturarchivs fast in der Originalversion dokumentiert.

Nach dem Flugblattregen im Gericht wurde die Verhandlung unterbrochen und der Gerichtssaal geräumt. Die »Berliner Morgenpost« wusste am nächsten Tag lediglich von einer »Saalschlacht im Moabiter Gericht« zu berichten, jenes Flugblatt wurde nicht erwähnt.

Der attackierte Richter Gente stellte kurz darauf Strafanzeige unter anderem gegen den beteiligten Prozessbesucher Fritz Teufel wegen Beleidigung und Hausfriedensbruch und war damit im Ergebnis erfolgreich. Ende Februar 1968 wusste die Frankfurter Allgemeine Zeitung zu berichten: »Zu zwei Monaten Gefängnis hat ein West-Berliner Schöffengericht am Freitag den 24 Jahre alten Studenten Fritz Teufel wegen Richterbeleidigung in Verbindung mit einer Übertretung des Paragraphen 367 Ziffer acht des Strafgesetzbuches verurteilt. Wegen des gleichen Deliktes erhielt der 26 Jahre alte arbeitslose Klempner Peter Urbach sechs Wochen Gefängnis mit dreijähriger Bewährungsfrist und der Auflage, 250 Mark Buße an das Deutsche Rote Kreuz zu zahlen.« Während sich der »Klempner« Urbach in der Zeit danach tatsächlich »bewährte«, kam Fritz Teufel wieder in den Knast.

Was bleibt für heute von diesem gut begründeten Eklat im Moabiter Gerichtssaal bedenkenswert? Immerhin war keinem der zeitgenössischen Presseberichte das besagte Flugblatt eine Erwähnung wert. Womit mag denn nur Fritz Teufel den alten NSDAP-Gente beleidigt haben? In seinem Inhalt steht das mutmaßlich von der Kommune I und ihren Freunden erstellte Flugblatt in direkter Verbindung mit einer – wie wir heute sagen würden – antirassistischen Aktion – allerdings auch für ein gerüttelt Maß an Anti-Nazismus der entstehenden antiautoritären Studentenbewegung in Westberlin.

Wenn nun Wolfgang Kraushaar und Professor Dan Diner, von denen begründet zu vermuten steht, dass sie zu jedem Monatsende sicher mehrere Tausend Euro abgreifen, in der jüngsten Gegenwart ausgerechnet den mittellos gestorbenen Fritz Teufel im Zusammenhang mit einem schrecklichen Brandanschlag auf das jüdische Altenheim in der Münchener Reichenbachstraße im Februar 1970 als einen ordinären Judenmörder, ja geradezu als einen »Todesvogel« markieren, dann weiß man so gut wie nichts, aber definitiv eines: Gegen jede politische Evidenz versuchen sie mit dem notwendigen Maß an sozialer Aggressivität, die die Aufrechterhaltung der ihnen zwischenzeitlich dienenden herrschenden Verhältnisse notwendig macht, »die Spur des Widerstands im Gedächtnis«, von der einmal Christian Semler gegen Götz Aly sprach, auszulöschen.

Froh gestimmt steht allerdings zu hoffen, dass in der Zukunft auch sie der Ungehorsam in der Fortschreibung des nicht korrumpierbaren freien Geists des Fritz Teufels ereilen möge.

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