Der Psychotriller

»Herbstsonate« nach dem Film von Ingmar Bergman am Deutschen Theater Berlin

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 5 Min.

Strampel dich ab mit deinem kühnen Bewusstsein. Putz die Vokabeln und Losungen auf, bis sie wie kritischer Geist klingen. Wirf mit Knall Türen zu, die schon lange nicht mehr offen stehen. Fantasier dir die Kunst zurecht zum Konvent der Veränderer. Denk dich in große Geschichtsbögen hinein - das lässt dich die kleine Kurve vergessen, die du täglich kriegen musst. Da laufen welche mit, die dich trösten könnten. Theaterdichter des Bürgerlichen, das du nicht loswirst, auch wenn du dich roh und robust gibst. Ibsen, Tschechow, Strindberg, Williams: Die erzählen deine Käfigstäbe, zwischen denen alle Welt stattfindet. Die rechnen dir vor, wie du ständig mehr verlierst, als du je gehabt hast. Die lächeln dir deine Unmaßgeblichkeit zu. Die flüstern dir ein, was du nicht hören willst: wie althergebracht du Neumenschbeschwörer doch bist. Das alles aber, ja, als Trost: Du bist nicht allein im Alleinsein, einzigartig aber schon. Erzählen diese Theaterdichter. Erzählte im Kino Ingmar Bergman. Seine »Herbstsonate« inszenierte Jan Bosse am Deutschen Theater Berlin, in Koproduktion mit dem Schauspiel Stuttgart.

Erfolgreiche Frau, Charlotte, besucht nach Jahren die Tochter, Eva. Pianistin gegen Pfarrersfrau. Welt versus Wohnstaub. Das Mondäne gegen das Muffige. Das Aufgeschlossene gegen das Hochgeschlossene. Aber das Aufgeschlossene ist auch das Aufgeplusterte, und das Hochgeschlossene wird zum Hochgiftigen: Abrechnung des Talents mit dem Tölpel, vom Blutdunkel der Pubertät bis zum klirrenden Eisklima der Gegenwart zieht sich die Spur aus Vernachlässigung, Verletzung, Verlassenheit. Im Bühnenbild von Moritz Müller erscheint das Pfarrhaus als Rumpelkammer-Festung mit Treppen, die nach oben wie nach unten urplötzlich abbrechen. Schauplatz für turnerische Untauglichkeitsprüfungen, Boden zu gewinnen. Die Zimmer: lauter Einsamkeitszellen, ärmlich, stupid und streng, man hockt am Boden, steht in Ecken, geistert hinter Fenstern, klebt an Wänden - noch Fragen?

Das gestorbene Kleinkind der Eva gespenstert, und die von der Mutter einst in die Krankheit getriebene Tochter Helena (Natalia Belitski puppenblass und wächsern), die mit im Hause wohnt, nebelt wie eine Wiedergängerin durchs Gelände der Streben und Stufen; auch trägt sie einen langen Schal, in dem sich ihre Mutter verheddern wird. Bedeutung trapst. Irgendwann, mitten in einer der Abrechnungsarien, tragen alle (auch der Herr Pfarrer!) ein grünes Kleid, wie es Helena trägt - also aufgemerkt: Wir alle hängen trüb und blöd im grünen Kleid der Deformation; du denkst an Freud und findest den plötzlich so käsig und klopsig. In solchen Momenten wirkt Bosse leider weit klopsiger - der Stoff ist Psychothriller, der Regisseur hat den Psychotriller.

Zum Glück sind da zwei faszinierende Spielerinnen, die das gespreizte Raunen dieser Inszenierung in den Adel, aufs Hochniveau heben. Corinna Harfouch und Fritzi Haberlandt. Zwei verzweifelte Menschen werden zu umherirrenden Kapseln. Leidende Erfahrung und stolzzuckende Verdrängung verwandeln Gesichter und Körper in Orte aus Blei und Brodeln. Liebe trifft ins Mark, aber sie gelangt doch selten in die Nähe des Herzens. Auf dem Grund der Wirklichkeit, hinter der Fassade von gesellschaftsbeflissener Eleganz, arriviertem Zynismus oder schwächlicher Resignation webt die Einbildungskraft immer neue Muster, die eine Existenz ergeben, ja - aber diese Existenz bleibt dem Menschen, der sie lebt, vollends unbekannt.

Harfouch - statussicher und divendämlich, dann erschrocken verwundet und hilflos hysterisch. Haberlandt - extravagant eckig, schnöselig spitz, aber urplötzlich aufkeifend in wuchtiger Wut. Und dann kieksen beide dem Pfarrersgatten hinterdrein, den Andreas Leupold als leutseligen Nasslappen geben muss, der vergebens jemanden sucht, der ihn endlich auswringt. Die Harfouch spielt Wahrheit: Wie viel frauliche Fähigkeit zur Hingabe stirbt in jedem Stück Emanzipation! Die Haberlandt spielt ebenfalls Wahrheit: Der weiteste Weg von Tochter zu Mutter ist der Weg zur wirklichen Nächstenliebe. Beide gemeinsam spielen sie Mahnung: Unterschätze niemand den lebenssteigernden Wert der Lebenslüge. Am Ende so etwas wie ein ahnbarer Hauch Versöhnung: Dauerhafte Beziehungen benötigen den Mut, dass man irgendwann, erschöpft und erledigt, die Schändlichkeiten miteinander teilt.

Ausgestellter Symbolismus trifft bei Bosse auf Feinzeichnungsmühen - das wirkt seltsam ältlich. Ältlich, das ist: ein wenig böse zu werden, ohne wirklich zu verstören. Dem Schrei immer ein Kichern hinterher-, dem Zorn ein Zwinkern vorausschicken. Eine Mixtur, professionell ausbalanciert zwischen grausig ernstem Damen-Duell und lächerlichem Gespenster-Gaukel. Kreischend rastet aus, was als theatralisches Erfolgsmodell letztlich immer wieder gut geölt einrastet. Es gibt Theater, das behandelt ein Problem, und es gibt Theater, das steigert sich selber zum bohrenden Problem. Ersteres gefällt dem Publikum, nur zweiteres aber ist gutes Theater. Dazwischen - verblasen, um bloß nicht zu verblassen - diese Sonatine für alle Jahreszeiten.

Zur stärksten Szene wird eine Videoaufnahme: Die Mutter schaut der Tochter bei deren dilettantischem Klavierspiel über die Schulter, im Gesicht der Harfouch eine grandiose Ballung aus einem Tässchen Verständnis und einem großen Eimer Überlegenheit - der kippt sich drüber. Es sind nicht die Augen, die da herabblicken, es sind die Mundwinkel. Und wenn sich dann die Mutter der Tochter über die Schultern beugt und selber spielt, wird da gnadenlos ein Krieg gewonnen, und über Fritzi Haberlandts ohnehin zutiefst versteinertes Gesicht perlen Tränen. Das ist ganz groß. Dieser Moment wird Geheimnis durch das, was eigentlich das Gegenteil eines Geheimnisses ist: Bloßlegungskraft.

Nächste Vorstellungen: 2., 3. Februar

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