Wyhl war ein Fanal

Im Januar 1975 wurde die Anti-Atom-Bewegung in Baden-Württemberg geboren

Vor 40 Jahren wurde die Genehmigung für das AKW erteilt - die Bevölkerung verhinderte den Bau. Übertragen ließen sich die Erfolge aber nicht.

»Der sofortige Beginn der Errichtung des Kernkraftwerkes Süd liegt im öffentlichen Interesse [...] um den im Lande bestehenden Strombedarf zu decken.« So stand es im Ende Januar 1975 erteilten Genehmigungsbescheid für das Atomkraftwerk Wyhl am Kaiserstuhl in Baden-Württemberg. Unterzeichner des Dokumentes war der damalige Landeswirtschaftsminister Rudolf Eberle (CDU). Er saß gleichzeitig im Aufsichtsrat des Energiekonzerns Badenwerk, der das Atomkraftwerk bauen und betreiben wollte. Diese offensichtliche Verflechtung zwischen Atomwirtschaft und Genehmigungsbehörde war aber nicht der einzige Grund, warum alles ganz anders kam.

Am 29. Januar 1975, vor genau 40 Jahren, erhoben - stellvertretend für die Region, wie sie betonten - zehn betroffene Bürger und vier Gemeinden Klage beim Verwaltungsgericht Freiburg gegen die Genehmigung. Drei Wochen später, am 18. Februar, stürmten hunderte aufgebrachter Menschen den für das AKW vorgesehenen Bauplatz im Rheinwald. Unter den Demons- tranten waren Winzer und Bauern, Frauen aus den umliegenden Dörfern und auch linke Studenten aus dem nahen Freiburg. Die Platzbesetzung war die erste Aktion dieser Art in der Bundesrepublik Deutschland. Und gleichzeitig eine Art Fanal: Die Anti-Atomkraft-Bewegung hatte die politische Bühne betreten.

Zwei Tage nach der Besetzung räumten Polizisten das Gelände mit Wasserwerfern und Hunden. Doch das entfachte den Zorn der Bevölkerung erst recht. Am 23. Februar demonstrierten über 25 000 Menschen in Wyhl gegen Atomkraft und Polizeigewalt. Sie überwanden die Absperrungen und drängten die Beamten zurück. Der Bauplatz blieb anderthalb Jahre besetzt.

Tatsächlich erlebte die bundesdeutsche Anti-AKW-Bewegung Ende der 1970er Jahre ihre Hochphase. Vor allem in Norddeutschland kam es zu Massenprotesten, in Brokdorf und Grohnde lieferten sich Demonstranten und Polizei regelrechte Schlachten. Aber auch der Staat hatte aus Wyhl gelernt: Die AKW-Bauplätze waren zu Festungen hochgerüstet, Besetzungen zunächst nicht mehr möglich.

Breite Bürgerbündnisse gegen Atomkraft wie am Kaiserstuhl entstanden später nur noch im bayrischen Wackersdorf und im Wendland. Daran etwas ändern konnte auch nicht, dass an anderen Standorten und in den großen Städten der Widerstand von Beginn an von vielen politischen Strömungen getragen wurde, die sich in anderen Fragen oft heftig bekämpften. Auch linke Organisationen und besonders die damals noch starken K-Gruppen entdeckten die Anti-AKW-Bewegung als Aktions- und Rekrutierungsfeld. Manche Kader hielten sich aber gar nicht lange in der im Grunde als bürgerlich betrachteten Bewegung auf, sondern marschierten in die sich formierenden Grünen weiter.

Das AKW Wyhl wurde nie gebaut. Infolge der Platzbesetzung kam es zunächst zu einem Stillhalteabkommen zwischen den Bürgerinitiativen und der Landesregierung in Stuttgart. Neue Gutachten wurden erstellt. Es folgten langwierige Gerichtsverfahren, die 1982 den Weg für einen Bau freimachten. Der neue Ministerpräsident Lothar Späth (CDU) wollte keine Konfrontation und nahm das Thema endgültig von der politischen Tagesordnung. Die Energiewirtschaft gab 1994 die Baugenehmigung für ein Atomkraftwerk in Wyhl an die Landesregierung zurück. An Strom hat es in der Gegend um den Kaiserstuhl dennoch nicht gemangelt.

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