Absturz auf Ramschniveau

Überfällige Reformen werden aus Angst vor Protesten aufgeschoben

Die Wirtschaftslage Venezuelas hat sich in den vergangenen Monaten dramatisch zugespitzt. Verschiedene Rating-Agenturen haben venezolanische Staatsanleihen auf Ramschniveau herabgestuft, große Fonds spekulieren auf die Zahlungsunfähigkeit des südamerikanischen Landes. Auf dem Schwarzmarkt hat sich der Wert des Dollar in sechs Wochen verdoppelt, das staatliche Haushaltsdefizit liegt mit geschätzten 15-18 Prozent extrem hoch.

Zu retten versucht sich Venezuela nicht zuletzt durch eine stärkere Anbindung an China. Als Vorbild dient Argentinien, das seinen Liquiditätsengpass nach dem Urteil des Obersten Gerichtshofes der USA pro Hedgefonds im vergangenen Sommer relativ problemlos überwinden konnte, indem es sich in China mit frischem Kapital versorgte. Im Gegenzug wurde Peking zugesagt, die Kredite vor allem mit Sojaexporten langfristig zurückzuzahlen.

Was den Argentiniern ihr Soja, ist den Venezolanern ihr Öl. Es ist das Faustpfand für Kredite. Die Regierung von Nicolás Maduro versucht, sich dem Druck von Finanzmärkten und Internationalem Währungsfonds durch eine stärkere Orientierung nach Ostasien zu entziehen. So unterzeichnete die Regierung in Caracas Anfang Januar neue Kooperationsverträge in Höhe von 20 Milliarden US-Dollar.

Doch diese Vereinbarungen, mit denen sich China langfristigen Zugang zum venezolanischen Öl sichert, werden nicht reichen, um die Krise zu bewältigen. Seit Monaten drängen chavistische Ökonomen die Regierung, die staatliche Devisenvergabe, die vor allem Spekulation und Korruption fördert, sowie die populären, aber ökonomisch unsinnigen Treibstoffsubventionen abzuschaffen. Der Liter Benzin kostet unfassbare zwei US-Cent. Und die unterschiedlichen Wechselkurse laden zur Korruption geradezu ein: Keinem Geldschein sieht man seinen Verwendungszweck an, aber je nach Verwendungszweck teilt die Zentralbank dem Importeur mehr oder weniger Dollar zu, die wiederum auf dem Schwarzmarkt noch einmal exorbitant an Wert gewinnen. Absprachen zwischen Exporteuren und Importeuren über die Falschfakturierung von Rechnungen zu Lasten der Zentralbank sind bei ähnlichen Konstellationen mit mehreren Wechselkursen in Lateinamerika aus der Vergangenheit bekannt - zum Beispiel aus Argentinien.

Rückkehr zu einem Wechselkurs, Abkehr von der Benzinhochsubventionierung: Präsident Maduro schiebt diese Maßnahmen - aus Angst vor Sozialprotesten und dem Widerstand der Eliten im Staatsapparat - immer wieder auf. rze

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