Leopard auf den Spuren des Täufers

Ausgestorben geglaubte Großkatze taucht vor russisch-orthodoxem Pilgerzentrum am Jordan auf

  • Von Norbert Suchanek
  • Lesedauer: 6 Min.

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Rund 50 Kilometer westlich von Amman und zehn Kilometer nördlich des Toten Meeres liegt »Bethanien jenseits des Jordan«. Hier soll Johannes der Täufer gelebt und Jesus getauft haben. Seit seiner Wiederentdeckung im Jahr 1997 wird dieser für Christen heilige Ort am Jordan nach und nach zu einem Pilgerzentrum ausgebaut, mit insgesamt elf geplanten Gotteshäusern und Klöstern der verschiedensten Konfessionen.

Den Arabischen Leoparden, seit 1992 auf der Roten Liste der bedrohten Tierarten, schienen die Gläubigen nicht gestört zu haben. Ein Exemplar der gefleckten Großkatze zeigte sich just am Weihnachtsmorgen 2014 nur wenige Meter vom russisch-orthodoxen Pilgerhaus und der noch im Rohbau befindlichen Lateinischen Kirche entfernt. Eine simple Holzkonstruktion erleichtert hier den Zugang der Pilger zum normalerweise von Schilf und Tamarisken umsäumten Jordan.

Die Raubkatze hinterließ dabei für jeden sichtbar ihre typischen, runden Tatzenabdrücke: mit einem Durchmesser von 12 bis 14 Zentimetern sind sie deutlich größer als Luchsfährten, doppelt so groß wie die der Wildkatze und etwa vier Mal größer als die Trittsiegel von gewöhnlichen Hauskatzen.

Die Fotos der Leopardenspur wurden von Spezialisten aus dem Mittleren Osten, Deutschland und der Schweiz geprüft und für echt befunden. Panthera pardus nimr - der Arabische Leopard - ist eine der bedrohtesten Tierarten der Erde. Nur noch etwa 100 bis maximal 250 Tiere soll es davon in der freien Wildbahn geben, so die Schätzung der Cat Specialist Group der Internationalen Naturschutzvereinigung (IUCN). Exakte Zahlen sind kaum zu ermitteln, da den intelligenten, scheuen Raubkatzen nur sehr schwer auf die Spur zu kommen ist.

Daten der Cat Specialist Group zufolge haben Arabische Leoparden nur im südlichen Oman, in einigen Teilen Jemens und in Saudi-Arabien überlebt. In den Vereinigten Arabischen Emiraten sind vor einigen Jahren die letzten Leoparden verschwunden. Laut einer Studie der Universität von Tel Aviv von 2006, die Kotproben in der Negev-Wüste und den besetzten Gebieten auf DNA untersuchte, sollen im Negev möglicherweise noch fünf Arabische Leoparden und weitere drei in der Wüste Judäa, westlich des Toten Meeres, überlebt haben.

Die letzte bestätigte Sichtung eines jordanischen Leoparden stammt vom Februar 1987, etwa 180 Kilometer südlich von Amman bei Tafilah. »Während der vergangenen Jahre gab es einige Gerüchte von Leoparden, die die Grenze von Saudi-Arabien oder Palästina nach Jordanien überschritten haben sollen. Aber Feldforschungen konnten dies nicht bestätigen«, so die Wissenschaftler Mayas Qarqaz und Mohammed Abu Baker von Jordaniens Royal Society for the Conservation of Nature (RSCN) und der Jordan University of Science & Technology.

Bleibt also die Frage: War der jetzt aufgetauchte Leopard am Ufer des Jordan ein illegaler Grenzgänger? Andrew Spalton von der Cat Specialist Group aus Oman hält dies für möglich, aber kaum wahrscheinlich. Die Negev-Wüste südlich des Toten Meeres ist zwar das nächstgelegene Habitat, und die Raubkatzen könnten durchaus von dort über die Wüste Judäa zum Jordan gelangen. Doch die Restpopulation im Negev sei schlicht zu klein, um dies für wahrscheinlich zu halten.

»Unser Ergebnis jahrelanger Beobachtungen und genetischer Studien zeigt eine sehr geringe Migration von Leoparden zwischen dem Negev-Hochland und der Wüste Judäa«, bestätigt Eli Geffen vom Departement of Zoology der Tel Aviv University. Und in Judäa selbst seien die letzten drei im Jahr 2006 noch vorhandenen Raubkatzen seit sechs Jahren nicht mehr gesichtet worden.

Die Leoparden Judäas waren seit den 1970er Jahren die Hauptattraktion des Naturreservats »Ein Gedi« am Toten Meer. Doch als die gefleckten Räuber begannen, sich an den Haustieren des angrenzenden Kibbuz zu vergreifen, fingen die israelischen Behörden kurzerhand zwei der für die Fortpflanzung wichtigen Weibchen ein und steckten sie in den Zoo. Kritiker sagen, das habe zum Kollaps der kleinen Population der judäischen Leoparden geführt.

»Ein Gedi« ist nur rund 40 Kilometer vom Jordan entfernt. Vielleicht sind die Leoparden der Wüste Judäa doch nicht ausgestorben, sondern einfach in die Tamarisken-Dickichte des Jordan abgewandert, wo der Tisch reichhaltig mit Wildschweinen und anderen Beutetieren gedeckt ist und es bis dahin keine oder kaum Touristen gab und auch keinen Kibbuz gibt. Tatsächlich klingt dies durchaus wahrscheinlich. Der Jordan und seine Ufer sind seit dem Krieg 1967 auf beiden Seiten streng abgesichertes, mit Landminen gespicktes Grenzgebiet. In den Jahrzehnten der Isolation wurde der sich windende Fluss so zu einem Naturparadies mit schier undurchdringlichen Dickichten - ähnlich wie das grüne Band der ehemaligen deutsch-deutschen Gren-ze oder das gleichfalls verminte Grenzgebiet zwischen Iran und Irak, das heute als wichtiges Rückzugsgebiet des großen Persischen Leoparden gilt.

»Für die Umwelt sind Minen großartig, denn sie halten die Menschen fern«, bringt es Azzam Alwash von der irakischen Naturschutzorganisation »Nature Iraq« auf den Punkt. Die Raubkatzen selbst würden nur sehr selten Opfer der Minen, da sich ihr Gewicht auf vier Pfoten verteile und sie damit zu leicht für die Auslöser der Anti-Panzerminen seien.

Die Natur des unteren Jordan dürfte heute kaum anders aussehen als zur Zeit von Jesus. Im Jahr 1106 schilderte der Pilger Daniel von Kiew den Jordan und berichtete von zahllosen Wildschweinen und vielen Leoparden in den Schilfdickichten des Jordan. Pilger des 19. Jahrhunderts berichteten Gleiches, wie man im 1881 veröffentlichten Buch »Picturesque Palestine« nachlesen kann. Es wimmele von Wildschweinen, während die Geäste voll von Singvögeln seien. Der Leopard lauere in diesen Dickichten, und ein achtsamer Reisender könne an seinen Spuren kaum vorbeikommen, besonders am Ostufer des Jordan.

Die Wiederentdeckung von »Bethanien jenseits des Jordan« begann mit dem 1994 unterschriebenem Friedensvertrag zwischen Israel und Jordanien. Die Minenfelder wurden geräumt, Archäologen bekamen Zugang, die in einem nur etwa 10 Hektar kleinen Gebiet rasch mehr als 20 für die Christenheit bedeutende Relikte, Kirchen, Klöster, Höhlen und Taufbecken aus römischer und byzantinischer Zeit freilegten.

Papst Johannes Paul II. besuchte den Ort im Jahr 2000 und gab ihm seinen Segen und der jordanische König Abdullah II. erklärte das Areal zum Nationalpark. Gleichzeitig bekamen die verschiedenen christlichen Konfessionen von der Armenischen bis zur Anglikanischen Kirche Flächen zum Kirchen- und Klosterbau geschenkt, um den Pilgertourismus anzukurbeln.

Das russisch-orthodoxe Pilgerhaus ist die bislang einzige Herberge in Bethanien. Ein Großteil des Ostufers des Jordan ist weiterhin Sperrgebiet, so wie auf der israelischen Seite auch. Der Zugang zur Taufstelle Bethanien ist stark reglementiert und von zwei Militärposten gesichert. Viele der Pilger halten sich nur kurze Zeit hier auf, um für einen Moment den Fuß in den ziemlich kalten und schlammigen Jordan zu halten. Lediglich die Gäste der russisch-orthodoxen Pilgerherberge haben das Privileg, nahe des Jordan zu übernachten und dessen Naturparadies ungestört zu erleben.

Per jordanischem Gesetz ist Bethanien als Nationalpark geschützt mit dem erklärten Ziel, »den Ort so zu erhalten wie er ist, damit die Pilger ihn so erleben können, wie ihn Jesus und Johannes der Täufer sahen«. Falls die Verantwortlichen an diesem selbst gesteckten Ziel festhalten sollten, besteht also noch Hoffnung für den Leopard am Jordan. Schließlich war er hier schon zu biblischen Zeiten heimisch und zahlreich.

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