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Die haben sich halt belegt

Dieser Film ist eine Beleidigung für jede Zuschauerin, weil er sich anbiedert mit seinen groben Stichen, sich in Wahrheit aber für nichts interessiert. Matthias Dell über den Kölner »Tatort: Freddy tanzt«

Beim Jahrhundert-Geburtstag der Berliner Volksbühne am vorletzten Tag des letzten Jahres hat der Vierteljahrhundert-Intendant Frank Castorf in seiner castorftypisch hingemaulten Festrede sich lobend über die MDR-Krankenhaus-Serie »In aller Freundschaft« geäußert.

Kann sein, dass das ironisch gemeint war oder gar ätzend (oder dass ich, »hingemault«, etwas falsch verstanden habe). Kann aber auch sein, dass das so ist (zumindest hat es sich mir eingebrannt als Bild): dass Frank Castorf, der lauter krachende (»Zertrümmerer«) und totalkritische (»Dekonstruktion«) Attribute führt, der mit dem Schwermetall der Geschichte des 20. Jahrhunderts assoziiert ist und mit dem Kartoffelsalat der Sauerei auf der Bühne, der mit Stalin im Büro kokettierte und im Schützengraben gegen »die Verhältnisse« liegt, dass dieser Frank Castorf auch älter wird und sich von den aseptisch-animierten Groschenromanen einen vom Pferd über die Wirklichkeit erzählen lässt.

Kurz: Irgendein Reiz muss vom überdramatisierten und doch vollversöhnlichen Fabelkitsch ausgehen, von der »regelmäßigen Wunderheilung nach 45 Minuten« (Peter Badel), wie sie »In aller Freundschaft« standardisiert. Eine Gewissheit, die beim Verständnis des Kölner Tatort »Freddy tanzt« (WDR-Redaktion: Frank Tönsmann) unbedingt hilfreich ist. Es handelt sich nämlich um 1-A-Kolportage. Wofür, natürlich, das Drehbuch verantwortlich ist, das für einen solch schlichten Entwurf relativ aufwendig creditiert ist: »Jürgen Werner (nach einer Idee von Andreas Knaup)« steht im Vorspann.

Spaßvögel würden an dieser Stelle sagen, dass es etwas albern ist, von so was Auteuristischem wie einer »Idee« zu sprechen, wo 1-A-Kolportage sich doch praktisch selbst schreibt. Vermutlich bezieht sich der Hinweis auf Knaup, der sonst übrigens für die MDR-Krankenhaus-Serie »In aller Freundschaft« Ideen hat, auf die gesamte Konstruktion: Ein von der fiesen Fratze des Kapitals (Investmentbanker) halbtot geschlagener Minderleister (obdachloser Pianist) versucht sich in ein Mietshaus zu retten, in dem Hilfeleistung nicht nur unterlassen, sondern er per Semi-Unfall und Missverständnis zu Ende getötet wird. Solche Häuser nennt man seit Udo »Gott hab ihn selig« Jürgens »ehrenwert«. Deshalb sagt Ballauf (Klaus J. Behrendt) das auch einmal.

Der Witz ist freilich, dass der »Tatort«, insbesondere der titelgebende Fab Five Freddy (Dietmar Bär) - der sichtlich schlechter tanzt als die von ihm begehrte Claudia (Ursina) -, das Haus eigentlich ganz gut findet. Das geht so weit, dass ein Insert am Ende vorspult und »sechs Monate später« nicht nur eine funktionierende Kaffeemaschine vorzeigt, sondern auch die Urteilsverkündung verliest. Keiner verknackt, alle auf Bewährung, atmet Freddy durch. Wobei man nicht weiß, was daran so erleichternd sein soll: Einem Hilfebedürftigen nicht zu helfen, sondern seinen Tod mitzubeschleunigen und danach nur rumzulügen - das kann’s doch nicht sein.

Wahrscheinlich soll es um die sogenannte Kälte in der Gesellschaft gehen, in der die Menschen, getrieben von den Verhältnissen (Kapitalismus), unmenschlich werden. Vielleicht auch um sogenannte Lebenslügen. Bei Jürgen Werner, der in seinen Dialogen so was Absurdes wie die »Schätzkeule« auspacken lässt, herrscht daran keinen Mangel: Die Malereiprofessorin verdingt sich als Edel-Escorteuse, damit dem Kind der Standard in dem tollen Haus gehalten wird. Der supermachoide Eishockey-Trainer (Robert Gallinowski) hat ein Klavier zu Hause und ist heimlich schwul (der obdachlose Pianist aber nicht). Und oben wohnt die Schund-Autorin Katja Petersen (Anna Stieblich), die nicht mehr rausgeht, weil ihr Ex-Mann sie noch am Mülleimer verprügelt, und die zur Sicherheit mal pfeffersprayt, wenn jemand blutend klopft.

Die Geschichte von »Freddy tanzt« ist eine Beleidigung für jede Zuschauerin, weil der Film sich anbiedert mit seinen groben Stichen, sich in Wahrheit aber für nichts interessiert. Investmentbanker sind Angeber und obdachlose Pianisten putzig, da macht man nichts falsch.

Es bleibt die Frage, warum das Buch nicht für die MDR-Krankenhaus-Serie »In aller Freundschaft« verfilmt wurde. Schon weil die Blutungen, das Verprügeltsein und sogar die Pfefferspraynotwehr da viel harmonisierender hätten behandelt werden können.

Ein Statement, mit dem man auf Stehpartys Interesse generieren kann:
»Ich bin ein anerkannter Eishockeytrainer«

Sagt das Mädchen zum Matrosen:
»Wir sind doch hier nicht beim Ballett«

Eine Ausrede, die gut klingt:
»Ich war auf einer Vernissage«

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