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Ich war nie Gerüstbauer, Liebling

  • Von Andreas Gläser
  • Lesedauer: 3 Min.

Gerüstbauer machen sich einen Spaß daraus, im Suff diese Vorrichtung zu erklimmen, möglichst von außen. Wer den normalen Pfad nimmt, sollte wenigstens bekifft sein, und wenn was passiert, stellt der Chef am Krankenbett schnell einen Arbeitsvertrag aus. Ich suchte einige Male den Einstieg in dieses Gangstergewerbe. Beim ersten Versuch sollte ich gleich auf der Baustelle antanzen, dann würden wir weiter sehen.

Am vermeintlich ersten Arbeitstag saß ich pünktlich und nüchtern mit den Kollegen vor einem Altbau auf den Bohlen und Gerüststangen herum. Es hieß, wenn der Chef käme, könne er sich was anhören, er würde eins auf die Fresse kriegen. Mir schwante, dass, wenn es seit drei Monaten kein Geld gegeben hatte, sich so schnell nichts ändern würde. Nach zwei Stunden kam der Chef, er war cirka 25 Jahre alt, ein Typ mit Gel im Haar und Sonnenbrille auf der Nase. Schlaksige Figur, modische Kleidung. Er wirkte ein bisschen geschlaucht, rein Diskothekentechnisch. Seine Blondine wartete am Auto.

Der angekündigte Aufruhr blieb aus, ich wollte mir diese Milieustudie geben, wenigstens ein weiteres Viertelstündchen. Er knöpfte sich jeden Arbeiter einzeln vor, indem er ihn in den nächsten Hausflur bat. So nach und nach verschwand er dort mit den Helden, die später wie die begossenen Pudel ans Werk gingen. Irgendwann sagte er zu mir in durchaus vertrauenswürdigem Tonfall: »Hör zu! Die Kollegen quatschen viel, aber ick mach nich vülle Worte. In zwee Wochen jib’s Jeld vom Auftrachjeber, da zahl ick alle aus. Kannst mit mir übern Vorschuss reden.« Der übermüdete Liebeskasper erinnerte mich an Tarzan, den Schnorrer, der mir alles zurückzahlen würde, sobald er Geld vom Amt bekäme. Ich hatte vom Chef mehr kriminelle Energie erwartet. In zwei Wochen sollte es vom Auftraggeber Geld geben. Eher glaubte ich daran, dass Tarzan auf mich zukäme, um mir 50 Euro in die Hand zu drücken.

Aus dem Job wurde nichts. Der Chef rief mich noch einige Male an, um zu fragen, wann ich anfangen wolle. Als ich Tage später zufällig an dieser Baustelle vorbeikam, sah ich dort andere Arbeiter, wie sie das Material aufluden. Vielleicht waren das nicht einmal seine Leute, denn so was passierte manchmal, dass die Rüstungen, die einige Wochen ungenutzt herumstanden, professionell geklaut wurden. Als ich bei einer anderen Gerüstbaufirma zum vermeintlich ersten Arbeitstag antrat, konnte ich weit und breit kein Material sehen. Zwei Arbeiter erzählten, dass sie seit Tagen darauf warteten, auch auf das Geld. Ich fragte, ob der Chef vorbeikommen wolle. Nein, wie käme ich darauf?

Da saßen wir nun, irgendwo in Berlin, am Großstadtnadelwäldchen. Ich kam mir vor wie ein Arbeitsloser, der morgens die Wohnung verließ, um der Familie und der Nachbarschaft gegenüber vorzuspinnen, er ginge in die Firma.

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