Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.
Werbung

Was wer weiß

Sieben Tage, sieben Nächte: Über die Schnelligkeit von Wikipedia und den nd-Chefredakteur

Es ist ein bedauernswertes Schicksal, das gedruckte Lexika, die nicht schon antiquarischen Wert besitzen, ereilt hat. In Haushalten mit Internet werden sie schmählich vernachlässigt, bei Ebay unterbieten sich die Offerten für vielbändige Enzyklopädien und selbst eine verdienstvolle Organisation wie der Berliner Büchertisch, der ansonsten Bücherspenden gern entgegennimmt, will sie nicht für geschenkt.

Denn es gibt Wikipedia. Und das ist eine tolle Sache. Anders als der Brockhaus im Regal weiß die Online-Enzyklopädie längst vom Tode Richard von Weizsäckers, kennt sie nicht nur den österreich-ungarischen Thronfolger Franz Ferdinand, sondern auch die gleichnamige Band und ist stets informiert, welches derzeit das größte Containerschiff auf den Weltmeeren ist. Man findet sogar Begriffe aus aktuellen Debatten wie etwa »Disableism«, wenn auch auf noch nicht perfekt ausgearbeiteten Seiten. Man stellt sich eine Heerschar von pensionierten Studienräten vor, die über die Richtigkeit der Einträge wachen wie über die Orthografie in Schülerdiktaten und die Ordnung in ihren Vorgärten. Tatsächlich sind nach einer Umfrage 88 Prozent der Autoren männlich, allerdings beträgt ihr Durchschnittsalter 33 Jahre. Die Quelle dieser Informationen? Natürlich Wikipedia. Dort findet sich ein Link auf die eigentliche Quelle, eine Umfrage.

Der Brockhaus legte das Herrschaftswissen für Dekaden fest, seine Inhalte schienen, ähnlich wie die Rechtschreibung im Duden, Regeln zu folgen. Wikipedia ist so wenig perfekt wie seine tausenden Autorinnen und Autoren. Von deren Engagement, Interessen und politischen Meinungen hängen die Beiträge ab. Die sind so wenig neutral wie Brockhaus, Tagesschau und die Sprache an sich.

Man nickt wissend mit dem Kopf, wenn einem Landeskriminalamt vorgeworfen wird, den eigenen Eintrag geschönt zu haben (was jenes LKA ganz anders sieht). Man amüsiert sich darüber, dass einst in den Wust an Vornamen des ehemaligen Verteidigungsministers zu Guttenberg ein weiterer hineingeschmuggelt wurde. Man kann sich darüber streiten, ob Pegida-Sprecherin Kathrin Oertel mit dem Auftritt bei »Günther Jauch« einen Eintrag verdient hat, vor allem wenn sie wenig später schon nicht mehr Pegida-Sprecherin ist. Man mag die klügsten Menschen, die man kennt, darin vermissen, einen Eintrag zu »Knöllchen-Horst« dagegen nun wirklich für verzichtbar halten. Doch das schmälert das Projekt nicht, das man bloß so kritisch lesen muss wie den Brockhaus. Mindestens.

Von den aktuellen Mitarbeitern des »nd« kann übrigens nur der Chefredakteur einen Eintrag vorweisen. Darin wird ein taz-Kollege zitiert, nach dem er das »›verschlafene‹ Neue Deutschland ›überraschend schnell aufpoliert‹ habe«. Soso. Mehr zum Thema auf Seite 21.

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln