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Bisschen Musik noch

Peter Abraham, Freund

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Mein Freund Peter, der Abraham, wie man ihn mit Markennamen rief, oder auch Pit, wie noch ältere Freunde ihn gerne nennen mochten, ist tot.

Es war nicht unser Thema, aber einmal, es ist schier unendlich lange her, hatten wir im Gespräch solche Möglichkeit immerhin erwogen.

»Ja, mein Lieber«, sagte er zu mir, nolens volens von oben herab wie immer, denn er überragte mich um Haupteslänge, auch wenn er sich nicht hielt wie ein Turner, abgesehen davon, dass er ein halbes Jahr älter war als ich, »wie soll ick dir det sagen, der Film is aus - und denn wird et wieder hell. Na, jedenfalls für die andern, die Zuschauer.«

Den Nachsatz fügte er nach merklicher Pause hinzu, als sei ihm gerade noch eingefallen, jemand könne sonst von ihm denken, er glaube an irgend etwas.

»Ja alter Dramaturg«, sagte ich damals, »aber bisschen Musik noch, nicht wahr ...«

Nein, der Abraham glaubte so leicht an gar nichts. Skepsis war sein täglich Brot, gusseisernen Meinungen hohnlachte er, Autoritäten kamen ihm gerade recht, war er doch selber eine.

Und dennoch hörte ich ihn eines Tages ein Bekenntnis ablegen.

Ein Glaubensbekenntnis dem Wortlaut nach. Das trug sich nicht von ungefähr in der Fremde zu, in Niedersachsen lange vor der Umkehrung. Zu Hause wäre ihm derartiges kaum über die Lippen gekommen.

Auf Wunsch hatte er in einem Kulturzentrum einem gebildeten und wohlerzogenem Publikum von älteren Damen nicht nur vorgelesen, sondern auch von seiner Kindheit erzählt. Von ungeheuerlichen Dingen also. Tod der Mutter 1943; mit dem Vater, einem jüdischen Grafiker, der auch Lebensmittelkarten fälschen konnte, abgetaucht in die Illegalität inmitten des taumelnden, tollwütigen Nazireichs, unter falschem Namen bei Pflegeeltern, die letzten Zuckungen des Kriegsendes in Polen, dünner Junge neun Jahre alt und »Die Schüsse der Arche Noah«, wie er all die Wirrsal in einen Romantitel bannte.

»Na, dann kamen die Russen, und die Sache war vorbei ... Achter Mai nicht wahr ...«

Nicht wirklich entrüstet, aber doch fein befremdet suchte eine Zuhörerin sich zu vergewissern: Das hieße ja ... dann wäre ja der achte Mai ein Tag der Befreiung für Sie? Es trat eine kleine Stille ein, in der er die Fragestellerin mit milder Verwunderung besah, das eben Erzählte womöglich noch einmal vor Augen, ehe er sagte: »Ja, glaub ich schon.« Als habe er ihr eine Zwei gegeben.

Schon im Januar 1996 argwöhnte ich im Beitrag zum 60. Geburtstag Abrahams, ich sei einer irritierten Menge Erläuterung schuldig. Wieviel mehr heute - rufe ich also statt zu raunen wie seinerzeit: »P.A., deutscher Schriftsteller, Autor phantasievoller und witziger Kinderbücher wie ›Das Schulgespenst‹, ›Der Affenstern‹, ›Die windigen Brauseflaschen‹, debütierte bemerkenswert mit einem Schelmenroman vom Ende des Zweiten Weltkriegs, schrieb das Buch zum Fernsehklassiker ›Rotfuchs‹, war Auflagenmillionär, obwohl seine Bücher weder von Ponys handeln noch beim Fahnenappell zwangsverteilt wurden ...«

Ja, sagt Peter, nun lass es bleiben; nun wird es lang.

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