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Hoffnung in Trümmern

Kobane-Helfer berichtet aus der zerstörten kurdischen Stadt

Nach monatelangen Kämpfen ist die kurdische Stadt Kobane befreit. Und zerstört. Fabian Köhler sprach mit dem Medico-Helfer Martin Glasenapp über Flüchtlingsströme, Nierenentzündungen und eine zerstörte Stadt als Vorbild für eines demokratisches Syrien.

nd: Sie sind momentan in der kurdisch-syrischen Stadt Kobane an der Grenze zur Türkei. Die Stadt war bis Anfang der Woche noch Schauplatz heftiger Kämpfe. Sind Sie und die Menschen vor Ort in Sicherheit?
Glasenapp: Mir geht es gut und den Menschen hier für die Verhältnisse auch. Wir befinden uns natürlich immer noch noch im Kriegszustand. Im Umland wird weitergekämpft. In der Nacht haben wir die Erschütterungen gespürt. Die Stadt ist aber ansonsten sicher. Alles ist voll mit Kämpfern. Die große Gefahr geht momentan von Sprengfallen und nicht detonierten Granaten aus.

Geben Sie uns ein paar Eindrücke. Was passiert um Sie herum?
Ich war gerade in einer Gemeinschaftsküche. Leute aus den umliegenden Dörfern strömen in die Stadt. Verletzte werden versorgt, Strom und Nahrung werden organisiert, zerstörte Stadtteile besichtigt. Einzelne Baumaschinen, die die Kämpfe überstanden haben, räumen den Schutt weg. Die Menschen versuchen irgendwie, erste Momente von Normalität herzustellen.

Bilder zeigen eine einzige Trümmerwüste. Ist Leben in diesen Ruinen überhaupt möglich?
Es ist ist nicht alles kaputt. 60 Prozent der Stadt sind durch die Kämpfe beschädigt worden. Aber die Schäden gehen viel weiter als die Trümmer, die man auf Bildern sehen kann. Alle Krankenhäuser der Stadt sind zerstört. Es gibt keinen Strom, wenig Heizöl, es fehlt an Medikamenten, und es ist kalt. Es gibt allenfalls eine Notversorgung.

Man hört von Flüchtlingen, die schon wieder zurück in die Stadt strömen.
Ja, alle wollen nach Hause. Alle wollen sehen, was passiert ist, in ihre zerstörten Häuser zurückkehren, sehen, ob ihre Freunde noch leben. Die Menschen haben ja monatelang ums Überleben gekämpft und darum, dass Kobane nicht fällt. Jetzt haben sie gesiegt. Aber der Preis ist eine völlig zerstörte Stadt. Dennoch ist die die Freude riesig und die Hoffnung hinter der Grenze zur Türkei auch. Es gibt einige hundert, die schon wieder zurück sind. Aber die Stadtverwaltung fordert die Flüchtlinge auf, noch zu warten. Erst einmal muss die Versorgung wieder hergestellt werden.

Türkische Behörden hielten die Grenze während der Kämpfe meist geschlossen. Kommen jetzt wenigsten Hilfslieferungen ungehindert durch?
Das Grenzregime wird leider immer noch sehr restriktiv gehandhabt. Der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan hatte gesagt, dass die Türkei Kobane nicht wieder aufbauen wird. Aber danach haben die Kurden auch nie verlangt. Sie wollen lediglich, dass Baumaterial und andere Lieferungen reingelassen werden.

Es geht auch nicht nur um die türkische Seite. Kobane ist immer noch eine Enklave, umstellt von den dschihadistischen Milizen des Islamischen Staates und der Nusra-Front. Momentan reichen die Lieferungen für eine erste Notversorgung. Aber wenn 10 000 bis 30 000 Menschen in die Stadt zurückkehren, ist das etwas ganz anderes. Laut der Kantonsverwaltung wird es noch sehr sehr lange dauern, die Versorgung für so viele Menschen sicherzustellen.

Woran arbeiten sie momentan?
Wir sind dabei, eine grundlegende Gesundheitsversorgung aufzubauen. Wir haben den ersten Krankenwagen in die Stadt bekommen, arbeiten an einer Blutbank, haben Medikamente verteilt. Es kommen viele Verletzte aus den umliegenden Gebieten in die Stadt, deshalb errichten wir mobile Kliniken am Ortsrand. Die Leute waren ja monatelang von jeder Versorgung abgeschnitten. Da geht es oft um ganz alltägliche Krankheiten durch Kälte und Vitaminmangel: Bluthochdruck, Zahnschmerzen, Nierenentzündungen.

Im vergangenen Jahr war Kobane wochenlang das Topthema in allen Medien. Dann verstummte das Interesse. Hat sich die starke Berichterstattung auf die Spendenbereitschaft ausgewirkt?
Wir sind momentan mit den Spenden zufrieden, aber natürlich ist es nicht genug. Der Wiederaufbau wird Jahre dauern. Kobane war ja schon vor dem Krieg eine verarmte und vernachlässigte Stadt. Es braucht langfristig eine komplett neue Stadtplanung und Unmengen Baumaterial. Die Stadtverwaltung überlegt andererseits auch, einzelne Stadtteile so zerstört zu lassen, wie sie sind. Als ein Mahnmal. Aber all das soll mit den Menschen zusammen entschieden werden.

Ein Mahnmal für einen Krieg, von dem niemand weiß, wie er enden wird?
Es geht den Menschen um mehr als eine zerstörte Stadt. Es geht um das kurdische demokratische Experiment, den Versuch eines demokratischen Zusammenlebens mit gleichen Rechten für alle Konfessionen. Ein Experiment, dass zum Vorbild werden könnte für ein demokratisches Syrien.

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