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Mit fRöhlichen Grüßen!

Zum Tod des Satirikers und Kabarettisten Ernst Röhl

Bei Grußformeln war er nicht zimperlich - manchmal unterschrieb er auch: »Dein - gelegentlich voller - Ernst«. Ansonsten jedoch trieb es ihn nicht, die Wortspielhölle zu bereichern. Dafür aber hat er Witz und Aberwitz übers ostdeutsche Land geschüttet, in einer Fülle, Frechheit und Freigiebigkeit, als könne diese Quelle nie versiegen. Nun ist sie aber doch versiegt - in der Nacht zum Dienstag ist Ernst Röhl gestorben.

Den Röhlschen Witz muss man im deutschen Osten niemandem beschreiben. Ernst hat auf seinen Lesetouren wohl keinen Quadratkilometer in den Grenzen der DDR ausgelassen. Wer ihn nicht in seinem Kulturverein, in seiner Bibliothek auf einem Friedensfest erlebt hat, der hat doch zumindest seine Texte im Eulenspiegel und im »nd« oder in seinen vielen Büchern gelesen. Ernst war flächendeckend. In dieser Zeitung schrieb er - grob geschätzt - zwanzig Jahre lang satirische Kolumnen (zuletzt den Flattersatz) und wir anderen, die das zuweilen mit ihm taten, versuchten mit ihm mitzuhalten.

Also darf man als bekannt voraussetzen: Ein Scherzkeks, ein Comedian, ein Lesebühnen-Ich-Erzähler war der Ernst nicht, sein Witz war immer politisch. Die gravitätische Borniertheit der politischen Klasse, ihre stumpfe Selbstsicherheit, ihre schlecht verhüllten großen und kleinen Lügen, die sprachlichen Unfälle in den scheinbar mächtigen Apparaten, die das Räderwerk der Machtausübung für einen komischen Moment furchtbar zum Quietschen brachten - das war der Stoff, aus dem Ernst das Lachen holte. Und zwar sowohl »davor« als auch »danach«. »Davor« - das war erst beim Leipziger Studentenkabarett »Rat der Spötter« und dann als Autor und Redakteur beim Eulenspiegel. Damals war er schon der manische Sammler des unfreiwillig Komischen in den Sprechblasen der Aufgeblähten (der Klassiker: »Losung an der Nervenheilanstalt: Was wir sind, sind wir durch die Partei!«). »Danach« konnte Ernst ungebrochen weitermachen (bis 1997 beim Eulenspiegel). Eine »historische Zäsur«, eine »Revolution« hat es für Ernst Röhl nie gegeben - die Obrigkeit lief sprachlich in ihr Elend, so blind, so taub, so selbstgewiss, wie je zuvor. Sind das etwa immer dieselben Typen, die uns regieren? Dieselben nicht - aber die gleichen!

Aber natürlich waren die letzten 25 Jahre für Ernst Röhl eine großartige Zeit. Ernst Röhl - ein echter Wendegewinnler! Wo und wann konnte man jemals am lebendigen Objekt studieren, wie ein ganzes Völkchen im Namen der Freiheit und der veräußerlichen Menschenrechte zur Minna gemacht und die allein seligmachende Ordnung hergestellt wird! Die westdeutschen Übermenschen reden zu hören und ihnen bei ihren Geschäftstätigkeiten zuzusehen - was für ein Glück für einen, dem die Zunge locker sitzt. Und dazu diese Figuren - der Kohl, der Hintze, die Merkel, der Pofalla! Die kann, die muss, die darf man nicht erfinden. Ohne unsere westdeutschen Freunde wären so wohlmeinende, in die deutsche Einheit verliebte Röhlsche Werke wie »Fünf Jahre sind genug« (1995) oder »Zehn Jahre sind zu viel« (1999) nie entstanden.

Mit der Geduld eines fröbelschen Heimerziehers hat Ernst dem gesamtdeutschen Publikum den »Ostler, das unbekannte Wesen«, erschlossen. Irgendwann - zur zwanzigsten Wiederkehr der Revolution - blieb ihm nur noch, stellvertretend für seine ostdeutsche Leserschaft die Rolle des alimentierten Kleinkonsumenten anzunehmen und trotzig auszurufen »Wo bleiben die Westpakete?« (2009). Das war Perlen vor die Säue - denn natürlich hat ganz Westdeutschland nebst besonderer politischer Einheit Westberlin den Röhl standhaft ignoriert, in der Westpresse wird nun mal wieder der Tod eines Ostdeutschen gemeldet - das wäre ja noch schöner, wenn das Sterben ein Gnadenakt wäre, der einen Ossi zum Deutschen macht! Zuletzt erschien »Das Wörterbuch der Heuchel-Sprache«, ein Standardwerk, aus dem wir lange zehren können.

»So manche Zahnbürste stammt aus Ostdeutschland, ohne dass es jemandem auffällt«, schrieb einst der »Kölner Stadtanzeiger« unbeschwert. Doch das wiederum ist einem aufgefallen! Wer guckt jetzt so genau hin, wer findet jetzt die Sätze, die sich selbst ein Bein stellen?

Über den Tod hat Ernst meines Wissens keinen Witz gemacht. Aber ein Epitaph hat er hinterlassen, eines das über ihn spricht und auch gleich noch den Siegern einen mitgibt:

Wie schicksalhaft das Leben doch verfliegt / Du blickst zurück, die Stimmung leicht gedämpft / Nicht jeder, der gekämpft hat, hat gesiegt / Nicht jeder, der gesiegt hat, hat gekämpft.

Der Autor hat viele Jahre lang als Kollege von Ernst Röhl satirische Kolumnen für diese Zeitung geschrieben. Seit 2009 ist er Chefredakteur des Satire-Magazins »Eulenspiegel«.

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