Von Ismail Küpeli

FeministInnen auf der Straße und auf Twitter

Nach dem Mord an der Studentin Özgecan Aslan gehen tausende Menschen in der Türkei auf die Straße

»Wir trauern nicht, wir rebellieren.« In der Türkei gehen seit dem Mord an einer Studentin tausende Menschen auf die Straße. Lautstark lassen die Menschen ihrer Wut freien Lauf. Und setzten damit etwas in Bewegung.

Die Proteste, die durch den Mord an der jungen Studentin Özgecan Aslan ausgelöst wurden, dauern inzwischen fünf Tage an – ein Ende ist nicht in Sicht. Anders als vergleichbare Fälle in der Vergangenheit hat dieser Mord große Teile der türkischen Gesellschaft aufgewühlt. In allen Medien ist das Thema präsent, es vergeht kein Tag in dem über den Fall und andere Beispiele von sexistischer Gewalt berichtet wird. Talkshow-ModeratorInnen und NachrichtensprecherInnen kleiden sich aus Trauer in Schwarz. FahrerInnen von Dolmuş (ein Art Sammeltaxi) hängen an ihren Fahrzeugen schwarze Schleifen in Gedenken an Aslan, die vom einem Dolmuş-Fahrer ermordet wurde.

Nur wenige wagen es, öffentlich die Schuld an der Tat dem Opfer zuzuschreiben – zu groß ist die Empörung über solche sexistischen Kommentare. Selbst die Regierungspartei AKP versucht auf der Welle der Empörung mit zu schwimmen. AKP-Politiker fordern die Wiedereinführung der Todesstrafe und ein AKP-Minister hat öffentlich seine Sympathien für Selbstjustiz in solchen Fällen geäußert.

In vielen Städten finden, seit dem der Mord bekannt wurde, täglich Demonstrationen und Kundgebungen statt, die zu später Stunde von Nachtwachen an öffentlichen Plätzen abgelöst werden. Die Proteste beschränken sich nicht gänzlich auf die Städte, sondern finden auch in konservativen ländliche Regionen statt. In Hakkari, einer Stadt im äußersten Südosten des Landes mit ca. 85 000 Einwohnern, gingen zehntausend Menschen auf die Straße und protestierten gegen sexistische Gewalt. Heute protestierten 15 000 Menschen an der Schnellstraße, auf der Özgecan Aslan ermordet wurde, darunter ihre KommilitonInnen und DozentInnen. Die Schnellstraße wurde für mehrere Stunden blockiert. Auch in Deutschland finden kleinere Gedenkaktionen statt, so etwa in Duisburg und Hannover.

Die Proteste thematisieren nicht nur den Mord an Aslan, sondern auch andere Fälle von sexistischer Gewalt, die bisher wenig beachtet wurden. Die Namen und Gesichter von anderen Frauen, die vergewaltigt und ermordet wurden, tauchen bei den Aktionen auf. Der Ruf »wir trauern nicht, wir rebellieren« ist dabei oft zu hören.

#aufschrei auf Türkisch: #sendeanlat

Die Empörung zeigt sich in auch in den sozialen Medien. Insbesondere auf Twitter, das in der Türkei sehr breit genutzt wird, war der Mord Thema Nr. 1. Inzwischen hat sich, vergleichbar mit der deutschsprachigen #aufschrei-Kampagne, #sendeanlat als Hashtag etabliert. Hier berichten Frauen öffentlich über ihre Erfahrungen mit Sexismus und sexistischer Gewalt, wie sie von Männern belästigt, begrabscht, angriffen und vergewaltigt wurden. Sie berichten auch davon, wie sie und ihre Umgebung mit Sexismus umgehen, wie sie sich so verhalten, dass sie Überfällen aus dem Weg gehen und wie die eigene Familien und die Freunde auf sexistische Gewalt reagieren. Diese persönliche Erfahrungen öffentlich zu machen ist in dieser breiten Form für die Türkei ein Novum. Sie könnte den Frauen in Zukunft erleichtern, sexistische Gewalt anzusprechen. Denn bisher galt vielfach, dass für die Taten die Opfer selbst schuld sind und es für sie besser ist, wenn sie nicht darüber sprechen. Dies dürfte durch #sendeanlat vorbei sein, weil die Dimensionen der sexistischen Gewalt deutlich werden – und dass Frauen aus allen gesellschaftlichen Schichten und aus allen Regionen der Türkei betroffen sind.

Insgesamt deutet sich an, dass mit den jetzigen Protesten möglicherweise ein Paradigmenwechsel in der türkischen Gesellschaft um die Wahrnehmung und Reaktionen auf sexistische Gewalt einhergeht. Das gesellschaftliche Schweigen ist jedenfalls gebrochen.

Der Autor ist Politikwissenschaftler und twittert unter:

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