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Unbekümmert leben

Zur Seele: Erkundungen mit Schmidbauer / Von der Erwartung zur Angst vor dem falschen Schritt

  • Von Dr. Wolfgang Schmidbauer
  • Lesedauer: 4 Min.

Der erste Schultag ist ein wichtiger Schritt hinaus ins Leben. Die spitze Tüte wird mit süßem oder alternativ-gesundem Naschwerk gefüllt, das Kind tritt in eine neue Lebensphase. Es wird jetzt die Eltern loslassen. Die Gesellschaft übernimmt, verkörpert durch die gleichaltrigen Kameraden und die Lehrer. Lernen macht Freude, schlechte Noten machen Kummer. Gute Zensuren sind das wichtigste Mittel in der modernen Gesellschaft, sich Chancen zu erobern. Trauen wir unseren Kindern zu, dass sie sich mit ihresgleichen, gefördert von staatlich geprüften Pädagogen, in diesen Verteilungskampf hineinfinden? Oder wollen wir ihnen diesen Stress, zumindest für einige Jahre, noch mildern, ja ersparen?

Dieses Dilemma begegnete mir neulich in der Gestalt der Mutter eines sechsjährigen Jungen. Sie hatte sich mit ihrem Mann geeinigt, dass sie ihren Sohn nicht in die staatliche Schule schicken wollten, in der - so glaubten beide - spätestens in der dritten Klasse die Noten für den Übertritt ins Gymnasium zum angstbesetzten Druckmittel werden.

Die Eltern wollten sich also in zwei Montessori- und einer Waldorfschule bewerben. Der Andrang zu diesen pädagogischen Alternativen war so groß, dass schon früh eine Art Casting von Eltern und Kindern begonnen hatte. Viele Monate vor Beginn des ersten Unterrichts war nun ein ganz unerwartetes Problem aufgetaucht. Die anderen Eltern, die meine Klientin jetzt kennenlernte und mit denen sie die alternativen, von Elterninitiativen selbst verwalteten Schulen organisieren wollte, waren ihr höchst unsympathisch.

Wer sein Kind in die Regelschule schickt, hat eine staatlich bezahlte Pädagogin als Ansprechpartnerin. Er muss sich mit anderen Eltern nur dann beschäftigen, wenn er sich für ein Ehrenamt im Elternbeirat interessiert. Wer aber eine von einer Elterninitiative getragene Alternativschule für sein Kind sucht, wird erst einmal von den Mitgliedern dort auf Herz und Nieren geprüft, ob er denn passt.

Die beschriebene Mutter fühlte sich fehl am Platz. Sie arbeitete als leitende Verwaltungskraft, wollte aber hier nicht autoritär auftreten. So nahm sie sich zurück, hörte brav zu und wäre doch fast geplatzt, so weitschweifig und ineffektiv wurde in der Elterngruppe argumentiert.

Schlimmer noch: Aus manchen Äußerungen gewann sie den Eindruck, dass die alternative, kindbezogene, vom Leistungsdruck und Optimierungszwang erst einmal befreite Schule, die sie für ihren Sohn suchte, von anderen Eltern aus ganz anderen Gründen gewählt worden war.

Diese schienen ihre Kinder nicht vor einer Optimierung im Leistungsdruck schützen zu wollen. Sie strebten danach, den Leistungsdruck zu optimieren. Beispielsweise, indem sie die erste Klasse durch sorgfältig aufgebaute Filter vor der Begegnung mit »ausländischen Kindern« schützten. So hatte sie sich das nicht vorgestellt! Aber wenn sie jetzt ihre Kritik nicht zurückhielt, machte sie sich vielleicht unbeliebt und nahm ihrem Sohn den geschützten Raum, den sie ihm verschaffen wollte.

Wir haben dann eine Weile gemeinsam nachgedacht, was den schönen Gedanken so belastet hat. Denn es ist doch eine gute Idee, es mit anderen Eltern, denen doch auch das Wohl ihrer Schulkinder am Herzen liegt, besser zu machen als der Staat. Warum nicht zusammen nach Lösungen zu suchen, um Kinder möglichst unbelastet aufwachsen zu lassen?

Offensichtlich hatte sich diese Mutter einen freudigen Aufbruch gewünscht, sich nach alternativen Eltern gesehnt, die optimistisch waren, überzeugt, dass das Unternehmen alternative Schule gelingen wird. Was sie aber gefunden hatte, waren Eltern wie sie selber: voller Ängste, dass Sorglosigkeit und Unbekümmertheit nicht reichen, um den eigenen Kindern den Weg in die Gesellschaft zu ebnen, dass es nötig ist, etwas besonders Gutes zu suchen.

Die Geschichte schien mir ein Beispiel für die vielen Fälle, in denen heute freudige Erwartung durch die Angst vor der falschen Entscheidung kaputt gemacht wird. Das fängt schon bei der Schwangerschaft an. Wer freudig sagt, ich nehme was kommt, es wird schon gut gehen, gilt als Vorsorgemuffel und ist schuld, wenn ein behindertes Kind geboren wird. Nicht nur Versicherungsvertreter, sondern auch Sprecher der medizinischen Zunft stehen wie das graue Gewissen der Hausfrau hinter uns und behaupten, wenn es uns jetzt gut ginge, müssten wir uns sofort Sorgen machen, ob wir genug getan haben, dass es so bleibt. Guter Rat ist nicht teuer, im Gegenteil. Nur unbekümmert zu leben, das kostet!

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