Werbung

Klassik und Rote Kapelle

Blatt für Horst Drinda

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 2 Min.

Überbrüht mich! Ich bin eine Teekanne!« Diese Sätze zu sprechen, das könnte für einen Schauspieler ein Vernichtungsurteil sein, eine Verbannung ins Dämliche. Horst Drinda hat das Zitierte über 600 Mal gesagt, es klang infantil glücklich, triumphierend befehlsgeberisch - und es war höchste Kunst.

Der schizophrene Bürgermeister in Jewgeni Schwarz’ Märchenkomödie »Der Drache« ist Gutteil jenes Kapitels Theatergeschichte, das Benno Besson in den 1960er Jahren mit seiner Inszenierung am Deutschen Theater Berlin geschrieben hat. In Drindas blödem, blasiertem, böse-charakterlosem Bürgermeister der Drachenstadt durchwuchsen einander: des Schauspielers geschmeidiger Charme und seine präzis gebaute Komik; märchenhafte Übertreibungstechnik und entlarvender politischer Realismus. Die symphatisch-offene Aura des Darstellers verband sich mit raffinierten Brechungen ins Absurde.

Der Berliner Drinda, gelernter Flugzeugbauer, betritt 1945 die Schauspielschule des Deutschen Theaters. Er wird einer der Protagonisten. Die Klassik als Prüfungsaufgabe: Wie viel an Humanismus ist lehrbar? Drinda ist am Theater zunächst ein Schauspieler der Leidenschaft, des pathetischen Glühens, einer, der sich formaler Strenge gern widerspenstig entgegenschleudert. Ein Konfliktpunkt, denn Arbeit wird so mehr und mehr auch Zügelung. Gerade deshalb, weil Wolfgang Langhoffs erste Klassiker-Inszenierungen vor allem intellektuelle aufklärerisch helle Zugänge zu den geheiligten Stoffen erzwingen wollen.

Anfang der 1970er Jahre verlässt Drinda das Deutsche Theater. Der Filmschauspieler: »Einmal ist keinmal«, »Lissy«, »Die besten Jahre«, »Der Traum des Hauptmann Loy«, »KLK an PTX - Die rote Kapelle«, »Ich - Axel Cäsar Springer«, schließlich die Hauptrolle in der TV-Serie »Zur See«. Ein Erfolgsweg, den Autor und Regisseur Günther Rücker beizeiten so kommentierte: »Hätte man hierzulande wirklich gewusst, was Film bedeutet, dann hätte man für diesen jungen Mann eine Rolle nach der anderen schreiben lassen müssen.« Hinweis auf Drindas Professionalität, seine Fähigkeit zur Identifikationsgestalt, ganz aus bewusster Zeitgenossenschaft heraus. Seine Filme: gut gelaunte Konversation oder der unfreiwillige Witz der kleinbürgerlich Verdutzten, aber ebenso einfühlsame Freundlichkeit.

Horst Drinda, wurde 1927 geboren. An diesem Sonnabend ist es zehn Jahre her, dass er starb.

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln