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Der grüne Fasan

Wolfgang Hilbig, der Wort-Arbeiter, wird 65

Detlev von Liliencron sagte von sich, wenn man ihn für einen Fleischermeister aus der Provinz halte, sei das in Ordnung. Schlimmer wäre es, sehe er wie ein Dichter aus. Auch Wolfgang Hilbig, träfe man ihn zufällig auf der Straße, hielte man wohl eher für einen Erdarbeiter, jedenfalls für einen, der mit schweren und schmutzigen Dingen zu tun hat und nicht mit Papier. In dieser Verkennung steckt eine Wahrheit, denn Hilbig ist ein Wort-Arbeiter, für den Schreiben immer zuerst eine Frage des physischen Einsatzes zu sein scheint. Seine Texte sind Buchstabe für Buchstabe überwundene Schwere des Körpers, abgetrotzt einem stummen Vor-sich-hin-Brüten, das nur langsam in den Fluss des Sprechens gerät; aber dann von einer vehementen Transparenz, durch die eine Tiefe heraufscheint, die immer aufs Neue erschrecken lässt. Dieser große Dichter, glaube ich, hat vor nichts solche Angst wie vor den Worten, die ihn faszinieren. Das nennt man ein Schicksal. Heizer (gibt es sie überhaupt noch?) sind eigensinnige Leute, siehe den Hallenser Maler Albert Ebert: allein mit dem Feuer, deren Hüter zu sein eine mythische Qualität bekommt. Feuer, dieses Ur-Enzym der Menschwerdung, verwandelt die Dinge auf elementare Weise. Man hat nur so lange Wärme, wie man Kohlen zum Nachlegen hat und am Ende bleibt immer die Asche. So einfach, so folgenreich. Heizer, scheint mir, allein vor ihren Feuerlöchern, das waren die letzten Philosophen, denen die Gedanken noch als Schweißperlen über das rußgeschwärzte Gesicht rollten. Vielleicht hat Wolfgang Hilbig das Kesselhaus mit dem Brikettberg nie verlassen. Oben drauf sitzt ein grüner Fasan, derselbe noch wie in »episode«, seinem Gedicht. Dieser Fasan zielt auf ihn, »so war er herrlicher und schöner / als ein surrealistischer regenschirm auf einer nähmaschine / wie er dort saß genau und furchtlos verirrt / auf seinem schwarzen gipfel / konversation fand nicht statt ...« Nein, Hilbigs Texte sind Gegenworte zu aller Konversation. Rigoros sezierte Stille, ein Lauschen darauf, wie das Feuer die Kohle frisst. Halb Heizer, halb Erdarbeiter, selbst wenn er gar nichts mehr schreiben sollte und die Gedichte im Bierseidel ersäuft, er bleibt groß durch das, was wir von ihm bekommen haben. Man mag bei seinen frühen Texten an Kafka denken oder auch an Trakl, an die großen Verwandler unsichtbarer Schmerzen in Worte, die fast keiner hört, aber die wenigen, die zu hören verstehen, sterben fast daran: »Der Sohn des Pan erscheint in Gestalt eines Erdarbeiters, / Der den Mittag am glühenden Asphalt verschläft.« Wolfgang Hilbig, so hat jemand nachgezählt, ist derjenige Autor, der in den vergangenen Jahren die meisten Literaturpreise bekam, auch den Büchner-Preis. Jeder neue Preis hat ihn, so scheint mir, stiller gemacht. Sich selbst fremder werden lassen? Herausgerissen aus dem Heizhaus hat er den grünen Fasan verloren, der die Worte erst in ein phosphoreszierendes Leuchten bringt. Schon zweiundvierzig Jahre alt ist er, als endlich sein Debüt-Gedichtband erscheint: »Stimme, Stimme«, 1983 bei Reclam-Leipzig in winziger Auflage, auf grau-holzigem Papier, ungebührlich teuer für ein schmales Bändchen, acht Mark. Da veröffentlichte ein Heizer Gedichte, die ihm keiner nachmacht. Das Klischee vom »schreibenden Arbeiter« aber fliegt bei diesen Texten mit einem Knall auseinander. Warum will man ihn nicht? Wenn sich schon die Intellektuellen und Künstler ihre Melancholien und surrealen Wirklichkeitsfluchten erlauben, dann ist das schlimm genug, aber sollen jetzt noch die Arbeiter anfangen, wie Untergeher zu dichten? Das darf nicht sein! So dachten sie wirklich, die DDR-Kulturverwalter, deren Beschränktheit so weitreichende Folgen hatte, dass sie einen Realismus unterdrückten, deren Gestalt sie nicht verstanden. Das Gedicht »Meer in Sachsen« darin, verstümmelt gedruckt, einzelne Wendungen gingen nun wirklich nicht, so was wie »sachsen ist langweilig, ungastlich ...« oder »die deutschen können die sachsen nicht leiden«. Zu lesen heute immerhin noch: »sachsen ist ein land scheußlichsten Wetters / tagelang strahlt nacktes Sonnenlicht gegen die erde / dann wieder wochenlang eisiger regen fressende kälte / die bagger versinken im schlamm telegraphendrähte / schwimmen im sand in den verödeten tagebauen ...« Dass dieser heute so kostbare Band überhaupt erscheinen durfte, ist Franz Fühmanns beharrlichem Drängen zu verdanken. Ecce poeta!, hatte er immer wieder geschrieben und überall gesagt, wo man es nicht hören wollte: Ich zeige euch einen Dichter! Die Dialektik der Abwesenheit intensivierte die Anwesenheit, und Fühmann hielt eine imaginäre Rede auf den damals schon gar nicht mehr so jungen Freund. Das, was er darin sagte, es klang wie eine letzte Beschwörung an die Macht, ihre Blindheit abzulegen: »Ohnmacht heißt ja immer: nichts als Objekt sein, und man erhebt sich aus ihr zum Subjekt nur dadurch, daß man wagt, sich als Objekt anzuschauen; bei diesem Mann in einem Selbstdistanzierungsverfahren, das solches Anschaun ganz wörtlich nimmt. - Abwesenheit auch von sich selbst; aber so, im rigorosen Willen, zu sehen und zu begreifen und zu sagen, "was ist", eine gute Abwesenheit, weil nach guter Anwesenheit dürstend.« Nein, die Macht blieb blind und Hilbigs »gute Anwesenheit« ein Traum. Er blieb, was echte Dichter unter Deutschen immer sind: Fremde. Weil man ihn in der DDR so gar nicht haben wollte, ging er 1985 in den Westen - und blieb auch dort weiter fremd, wie sein Roman »Das Provisiorium« zeigt. Ein Dokument der Selbstzerstörung. Der Roman erschien 2000 bei S. Fischer und wurde - ebenso wie »Ich« (1994), die Doppelgänger-Geschichte eines Stasi-Spitzels, der die Rolle des bespitzelten Autors aus Ehrgeiz gleich selbst mit übernimmt - von der Kritik überaus gelobt. Aber mir scheint die Metamorphose des Lyrikers in den Romanschriftsteller - ach ja, der Erfolgsdruck des Buchmarktes, der nichts so scheut wie gute Lyrik! - eher eine äußerliche geblieben zu sein. In Wirklichkeit wartet Hilbig wohl immer noch auf den grünen Fasan, der ihn beim Verbrennen zu feuchter Kohle erschien; im Geruch mooriger Gase stieg er herauf ganz nach oben auf den Brikettberg. Erinnerungen daran tauchen unvermutet auf, wie in seinem kleinen Text »Der Geruch der Bücher« (1994). Sie schockieren den, der sie lang zurückgelassen glaubt. Nachts allein in einer fremden Wohnung mit lauter Büchern, die ihm nicht gehören, atmet er eine ähnlich leichenhafte Luft wie die beim Verbrennen zu feuchter Kohle. Um daran nicht zu ersticken, möchte er ganze Meere, nicht nur das in Sachsen, austrinken. Da ist ein ungestillter Durst auf Leben, eine Flucht vor dem toten Geruch der Bücher und ein Selbstekel, der sich anstelle im Meer im Glas ertränkt, dem der Fluch anhaftet, nie ausgetrunken genug zu sein. Hilbig ist ganz Dichter, wenn er den Heizer in sich zu erwecken versteht. In »Der Geruch der Bücher« gelingt es: »... nach einer verworrenen Nacht ohne Schlaf, als die Heizungen im Haus geräuschvoll anfingen zu arbeiten, waren die Bücher aufgewacht und hatten ihren Atem ausgestoßen ... Keuchend! so meinte er es zu hören. Es war der keuchende und psalmodierende Atem von Bäumen, das Knarren von Wäldern im Winter, die Taiga, die hinter Moskau auswuchs, Gemurmel und Blasentreiben der Sümpfe, Summen der Moore, und dieser Atem war fauchend und sirrend wie der Wind, der durch die Grasseen der Steppe flog. Und vielleicht hatte er mit seinen ungläubigen Augen den Glutschein wahrgenommen, der in den Fugen zwischen den Büchern aufging und immer heller wurde, während der Raum sich langsam mit einem unsichtbar glimmenden Geruch füllte. - Wozu noch Bücher ...« Einmal hielt der vielfach preisgekrönte Dichter, nach langem Drängen und heftigem Sträuben, auch die »Frankfurter Poetikvorlesungen«. Er, der gewesene Heizer aus Meuselwitz (Sachsen), sprach dort in die Stickluft eines Hörsaals hinein: »Die Sätze werden unterhalb ihres Verschweigens wahr.« Wenn man versteht, was gemeint ist, möchte man weinen.

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