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Aufgeknackt

Peter Handkes »Kaspar« am Berliner Ensemble

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 5 Min.

Der entscheidende Satz fällt, wie jeder entscheidende Satz, beiläufig. Er ist wie das berüchtigte Kleingedruckte, das uns immer wieder besiegt - und das so raffiniert nebensächlich daherkommt. Die Schauspielerin Ursula Höpfner-Tabori sagt diesen Satz: Kaspar sei »aufgeknackt«. Wir kommen zur Welt, sind eine Weile naiv und langsam, aber irgendwann sind wir - »aufgeknackt«. Die Aufknacker sind bekannt: Eltern, Schule, Medien, Gesetze, Kultur, Regeln. Zivilisation.

»Kaspar« von Peter Handke, 1968 uraufgeführt, nun von Sebastian Sommer im Pavillon des Berliner Ensembles inszeniert, erinnert an den geheimnisumwobenen Kaspar Hauser, jenes Findelkind, das aus seiner Kerkerwelt ins Licht stieß - um unglücklich zu werden. Handkes Kaspar ist kein biografisches Abbild, er ist verkörpertes Prinzip. Sein Sehnsuchtssatz, vom Schauspieler Jörg Thieme in allen Variationen seines Stimme-Vermögens wiederholt: »Ich möcht ein solcher werden wie einmal ein andrer gewesen ist.«

Der Traum also vom unbefleckten, unbefleckbaren Ich. Unmöglich außerhalb der Menschenwelt. Noch unmöglicher inmitten der Menschen. Mit besagtem Satz kämpft sich Kaspar aus einem gigantischen Gewirr umgestürzter, ineinander verkeilter Tische heraus (Bühne: Johannes Schütz). Der Anfang ist eine Hand, fingernd herausgestreckt wie aus einem Grab. Ein zäher, schmaler, kräftiger Mensch ist dieser Kaspar bei Thieme. Aufgerissen staunende Augen. Gierig. Selbstvergessen kämpferisch. Später nölig genervt von allem, was auf ihn einprasselt. Die Zuschauer sitzen an den vier Wänden des Raumes, in ihrer Mitte auch die sechs »Einsager«. Erste Assoziation: Einflüsterer.

Handkes in den sechziger Jahren entstandene »Sprechstücke«, zu denen »Kaspar« gehört, sind Sprach-Kunststücke, die in Wortfolgen, Sprachfloskeln, Satzkaskaden, Bedeutungsumkehrungen deutlich machen, wie Verständigung immer auch vertieftes Nichtverstehen zur Folge hat. Die Einsager: Sie wenden ein, sie reden zu, sie sagen vor. Ursula Höpfner-Tabori: koboldig, schadenfroh kichernd. Boris Jacoby: oberlehrerlike. Thomas Wittmann: gernegroß beflissen. Nadine Kiesewalter: ein letzter Rest Verhaltenheit. Marko Schmidt: halbstark brachial. Claudia Burckhardt: gouvernantig schneidend. Das Ziel der Sprach-Behandlung, der Kaspar-Beschallung: dessen Zurichtung für den Chor, der die Gesellschaft bildet, sie auf diese Weise bildet: »Ordnen. Stellen. Legen. Setzen ... Stehen. Sitzen. Liegen. Ordnen.«

Die Tische. Der Tisch. Wandlungsfähiges Wort. Neruda hat eine Ode auf ihn geschrieben. Besten Braten kann man auftischen - und Lügen. Alle Fragen kann man vom Tisch wischen oder reinen Tisch machen, besonders mit den Bedrängern, wie das Kampflied suggeriert. Dem Tisch zugewiesen sind Sitten und Reden und sogar Damen. Er dient dem Spiel und der Verhandlung und dem Sezieren; auch den Gabentisch gibt es, und mancher Mensch schafft es nur bis zum Katzentisch. Vor Jahren, in Luc Percevals »Macbeth« am Thalia Theater Hamburg, installierte Annette Kurze über der Szene, bühnenhimmelhoch, eine Armada zusammengeknoteter Tische. Ein Museum der Möbel, die nicht gebraucht werden, wo nur Kehlen wie Tischtücher zerschnitten wurden und keiner sich, aus Angst, zum anderen setzte. Im BE-Pavillon nun schiebt Kaspar die Tische, schwitzend, wie ein Eisbrecher das Eis schiebt. Krachen und Keuchen. Werden Finger sich einklemmen? Absehbar wird das Tischgebirge durchstiegen sein, und ebenso absehbar formt sich aus dem Mobiliar-Chaos ein großes glattes Tischplattengelände. Einebnung. An den vier Seiten sitzt nun, von Kaspar gleichsam handverlesen, ein beträchtlicher Teil der Zuschauer. Einverleibung, Eingemeindung. Seinen Platz zu finden - ein Ziel, das lügt: Man bekommt ihn zugewiesen.

Den schönsten Satz zu »Kaspar« schrieb Botho Strauß: »Die Wirklichkeit würde zum Paradies, wenn sie nur ihre Unordnung begriffe und nicht verheimlichte.« Unordnung ist, was uns peinigt, was uns zur Änderung antreibt, was uns aber jedwede Änderung unmöglich macht - denn wo Wechsel gelingt, Aufstand, Neuland, dort keimt nur neue Unordnung. Alle Entwicklung ist eigentlich der Gegensatz zum Paradies, ist höchstens Hölle. Aber im Bekenntnis zur Unordnung läge der einzig freie Moment von Weltverhalten: Sei souverän im Unerlösten - wo immer du an (scheinbaren!) Lösungen mitarbeitest; sei heiter fragmentarisch - wo immer du beteiligt bist an etwas (scheinbar!) Großem und Ganzem. Es gibt eine zutiefst ehrenwerte, sehr heilsame Gleichgültigkeit. Die der Seele gegenüber den Dingen - sie will sich nicht mit ihnen vermischen. Die der Lippen gegenüber den Worten - sie bewahren Schweigen. Die des Traums gegenüber der Realität - er will sie nicht freisprechen. Unordnung hält uns wach, hält uns draußen - gegen unser verteufeltes »Gewußtwie und Gewußtwo, unsere Programme, unsere Abkürzungen, unsere Geheimnummern, unsere Zweit- und Zehntwohnungen«, wie Handke einmal schrieb. Unordnung hält uns in der einzig gültigen Wahrheit: dass Gesetzmäßigkeiten außerhalb der Naturwissenschaften nur Anmaßung und Einbildung sind.

Am Ende der Aufführung gelingt es, einen Teil der Zuschauer zur Mitwirkung zu animieren: »Ziegen und Affen« hatte Kaspar gerufen, eine Kurzfassung der Menschwerdung, und viele skandieren mit. Kaspar rennt hinaus in den Hof, kehrt zurück, weiß nicht mehr, was er gesagt, gerufen hat. Es ist, als erschrecke er in schöner, plötzlicher Gedächtnislosigkeit über jene Anpassung, die sich mit dem Lügenwort vom Lernprozess kostümiert. Auf seinen ersten Satz, den der ungelenke Kaspar in Handkes Stück geht, ist er stolz, »aber über den zweiten habe ich mich geschämt«. Denn: Jeder Beginn von Selbst-Verwirklichung setzt auch eine Tragödie des Selbstverlustes in Gang. Was an uns, in uns ist überhaupt aussprechbar?

Sprache als Gewalttätigkeit. Aber das Spiel damit: auch ein Öffnungsglück, ein Erweiterungsrausch. Das Wahrhaftige an Sommers Inszenierung ist eben nicht nur das Porträt eines Bewusstheitszerfalls durch Bewusstseinsstärkung - nein, dieses sprachliche Unglück, diese elende Kommunikationsreife, es führt doch auch (Thieme zeigt das in trefflicher Widerspruchslust) in eine heitere Leere, in eine stumpfe Wachheit - in der man zurückfinden kann zu wirklicher Sprache. Zu poetischer Sprache, zur Kunstsprache, die gar nicht absurd genug sein kann, um sich gegen die bestehenden reibungsfreien Weltverkehrsformen zur Wehr zu setzen.

Nächste Vorstellungen: 10., 11. März

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