Im Kurort

Martin Leidenfrost erlebte im ostukrainischen Slawjansk einen Vorfrühlings-Sonntag in Hörweite des Krieges

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»Alles steht still, weil niemand weiß, was kommt. Wird das Ukraine, kommt die Volkswehr wieder, wird das Russland?« Martin Leidenfrost besuchte das Verwaltungsgebiet Donezk und hörte den Menschen zu.
Martin Leidenfrost, österreichischer Autor, lebt im slowakischen Grenzort Devínska Nová Ves und reist von dort aus durch Europa.
Martin Leidenfrost, österreichischer Autor, lebt im slowakischen Grenzort Devínska Nová Ves und reist von dort aus durch Europa.

In jener Nacht erleuchten Feuer die ostukrainische Ebene, in geraden Linien gelegte Feuer zum Verbrennen von Gras. Ich fahre in das Verwaltungsgebiet Donezk ein, in den ukrainisch kontrollierten Teil. In Krasnoarmijsk, 50 Kilometer vor der Front, ist die Samstagnacht finster. »Bald kannst du die dumpfen Einschläge aus Donezk hören«, kündigt einer an. Der Sonntag bleibt aber ruhig. Im Autobus nach Slawjansk kriege ich eine Vorstellung nicht aus dem Kopf: die TV-Bilder verkohlter Leichen in einem ausgebombten Autobus und die perfekt geschminkten Studentinnen um mich herum.

Ich komme in Slawjansk an. Die Kurstadt, für das Kohlerevier Donbass relativ hübsch, wurde im April 2014 von prorussischen Separatisten übernommen. Es folgte Krieg, im Juli 2014 zog die »Volkswehr« unter dem verehrten russischen Offizier »Strelkow« nach Donezk ab. Ich komme am ersten Sonntag mit Frühlingsgefühlen, allerorten Spaziergänger. Die wenigen Einschläge im Zentrum sind repariert. Ukrainische Kämpfer streunen herum, die meisten stumpf betrunken. Kaum Abzeichen der regulären Armee; willkürliche Uniformen, mit Tendenz zu Sandfarben-Camouflage à la »Operation Wüstensturm«. Nationalgardisten, Freiwillige, Söldner? Niemand in Slawjansk kann mir den Unterschied erklären.
Vor der zentralen Leninstatue eine kleine Demonstration. Ein Fuhrpark mit Ukraine-Fahnen geschmückt, einige Hipster-Bubis posieren mit Fahnen des rechtsextremen Rechten Sektors. Der blutjunge Vizebürgermeister macht auf partizipative Demokratie: »Ich bin auf Eurer Seite.« Links und rechts hält je ein Mädel eine Ukraine-Fahne, im Publikum demonstrieren zwei weitere Mädels gegen das Gerücht, ihr Idol sei auf einem Foto im Lager der Separatisten zu sehen. Der Vize stellt freihändig eine »Expertenkommission« zusammen, aus Omas und Teenagern. Ein Zivilist, der eigentlich gerade sein Mädchen küsst, stänkert mich an.

Ein Taxi bringt mich in den dörflichen Außenbezirk, in dem letzten Frühling gekämpft wurde. An den Bäumen und Masten von Semjonowka zeigen Plastikblumensträuße Todesorte an. Am stärksten zerstört ist die Gegend um das Café, in dem die Separatisten von Kommandant »Motorola« ihre Basis hatten. Die Psychiatrie auf der Anhöhe ist eine Ruine. »In der Abteilung Nr. 9«, erzählt der Taxifahrer, »wurde ich als Afghanistan-Veteran gratis behandelt.« Nun also werden, denke ich, neue Veteranen produziert.
»Na Kurorte«, im Kurort, wird kein Heilschlamm mehr aus dem Salzsee geholt. Früher pflegten die Slawjansker hier auszugehen, doch jetzt sind die Sanatorien mit Soldaten belegt, und weil das praktisch ist, üben sie gleich nebenan schießen. Wenige reife Damen im Sowjetpelz warten auf den Stadtbus. Es fehlen nur wenige Meter, und ein besoffener Krieger würde ihnen auf die Füße pissen. Im Café »Perle« rezitiert die Barfrau unaufgefordert das ukrainische Nationalpoem »Kobsar«. Der Barmann erklärt, dass dieser Sonntag der letzte Tag der »Masleniza« sei: »Da verprügelten einander früher die Männer, hinterher umarmten sie sich, und so gingen sie frei von Aggressionen in die Fastenzeit.« Ich sage gerührt: »Was für ein schöner Brauch!« Da ahne ich noch nicht, wieviele Schlägereien mir Slawjansker Jungs im Lauf der Nacht noch antragen werden.

Ansonsten höre ich mir dutzendfach Meinungen an. »Hauptsache Frieden. Wenn du um vier in der Nacht aufwachst, weil plötzlich nicht geschossen wird. Weil dir das verdächtig vorkommt, diese Stille.« Nicht wenige sympathisieren mit den Separatisten, »da war nicht so eine Gesetzlosigkeit wie jetzt«, »da stand keiner besoffen auf Wache«, »die haben uns korrekt behandelt«. Andere behaupten das Gegenteil: »Das waren Junkies«, »20 bis 30 Passkontrollen pro Tag«, »Gesetzlosigkeit«. Viele äußern sich sowohl gegen die Separatisten als auch gegen die ukrainischen Bataillone. »Es gibt auf beiden Seiten solche und solche.« Einer, der die Separatisten ablehnt, erzählt dann doch mit Stolz, welche Bewunderung er auf der Krim für seine Herkunft aus der »Heldenstadt« erfuhr. »Alles steht still, weil niemand weiß, was kommt. Wird das Ukraine, kommt die Volkswehr wieder, wird das Russland?«

Es dunkelt, als ich Slawjansk am Montag verlasse. Der Tafelberg hinter Semjonowka, von der Kreideförderung in ein edles Weiß gekleidet, schimmert berückend im Abendrot. Ein letzter Satz mit Botschaft fällt mir nicht ein.

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