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Kreuzberger Mädchen sind stark

Beim Fußballverein Türkiyemspor Berlin ist jeden Montag Frauentag. Ein Besuch

Montags, immer so gegen fünf, kommt Şame Dogan von der Arbeit zum Sportplatz Blücherstraße, der im Berliner Stadtteil Kreuzberg liegt. Auch wenn es unablässig nieselt wie an diesem Februarnachmittag, stellt sie sich an die Balustrade und sieht ihrer Tochter beim Fußballspielen zu. Zerina ist zehn, ein zierliches Mädchen in blauer Trainingsjacke, auf der »Türkiyemspor Berlin« steht. Ihr langer schwarzer Zopf wippt auf und ab, während sie auf der linken Außenbahn des Kunstrasenplatzes auf und ab rennt. Wann immer Zerina an den Ball kommt, lächelt Şame Dogan zufrieden.

Zerina erkämpft sich oft den Ball, weswegen Şame Dogan fast unablässig strahlt. »Ich bin wirklich froh, dass Zerina hier bei Türkiyemspor spielt«, sagt sie. Als ihre Tochter ihr vor einem halben Jahr eröffnete, sie wolle Fußball im Verein mitspielen, war sie nur wenig begeistert. »Zerina sollte eigentlich mit Taekwondo weitermachen, denn ich will, dass sie stark und selbstbewusst wird«, sagt die Frau mit dem kurdischen Namen. »Und Fußball fand ich viel zu gewöhnlich, das kann man an jeder Ecke spielen. Oder auf dem Schulhof.« Mittlerweile sieht Şame Dogan das Ganze anders. »Zerina hat schon so viel mitgenommen hier: Vor allem den Teamgeist! Am besten finde ich dieses Wir-Kreuzberger-Mädchen-Gefühl, das hier alle ausstrahlen.«

Montags kann man insgesamt 140 »Wir-Kreuzberger-Mädchen« an der Blücherstraße treffen - alle Mädchen- und Frauenmannschaften des Vereins Türkiyemspor trainieren dann hier. Die Fünf- und Sechsjährigen aus dem G-Mädchen-Team spielen Wurf- und Fangspiele in der benachbarten Halle, die F-Mädchen üben nebenan Ballannahme und Passspiel auf glattem Hallenparkett. Zerina und ihre Freundinnen von D-Mädchen der Altersklasse U13 und alle anderen Türkiyemspor-Frauen teilen sich bis in den späten Abend den Platz. Montags ist hier Frauentag.

Die Frauen- und Mädchenabteilung des Vereins ist die größte im Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg, obwohl sie erst vor zehn Jahren gegründet wurde - eine Erfolgsgeschichte. Die Historie des Männerteams reicht sogar bis 1978 zurück, als der Verein von türkischen Migranten gegründet wurde. Längst ist der einstige Klub der Freizeitfußballer zu einem der bekanntesten Migrantenvereine der Bundesrepublik geworden - auch, weil es die Männer 1994 mal bis in die Regionalliga Nordost geschafft haben, die damals die dritthöchste deutsche Liga war. 2012 allerdings erlebte der Verein einen Tiefpunkt: Ein Insolvenzverfahren wurde gegen den Verein eröffnet, der sich mit seiner Männermannschaft übernommen hatte. Das Verfahren läuft noch immer, die »1. Herren« ist mittlerweile in die Landesliga abgestiegen, die die siebt᠆höchste Spielklasse ist.

Die Frauen sind derzeit Vierte in der Landesliga, die immerhin die fünfthöchste deutsche Spielklasse bedeutet. Murat Dogan ist von Beginn an Trainer der Türkiyemspor-Frauen, ein bärtiger Mann mit langen Haaren, rauer Stimme und einem gewinnenden Lachen. An diesem Nachmittag sitzt er an einem Tisch im achteckig gebauten Kabinentrakt und trinkt Tee aus einem Pappbecher. Spielerinnen kommen und gehen. Vor ihm liegt eine Liste, neben ihm ein Stapel Fußballklamotten. Regelmäßig hakt er auf der Liste ab, wenn eine Spielerin sich ein bestelltes Trikot oder Sweatshirt abholt. »Hier, hast zwar ’ne M bestellt, aber die fallen klein aus. Ick geb dir ’ne S«, sagt Murat Dogan berlinernd. Er ist 38 und hat schon als 18-Jähriger für Türkiyemspor gespielt, 1994, als der Verein seine Hochphase erlebte. Sogar einen Vertrag mit Zweitligist SV Meppen hatte der Absolvent der Hertha-Nachwuchsabteilung schon in der Tasche, als sich plötzlich alles änderte: Eine Knieverletzung machte ihn noch in jener Saison zum Sportinvaliden. Seither hat der bärtige Mann fast alle Jobs für Türkiyemspor erledigt, die so anfallen: als Spieler, Trainer, stellvertretender Fanbeauftragter, Geschäftsstellenmitarbeiter, Kassenwart und 1. Vorsitzender des Fördervereins.

Seit der Gründung 2004 ist Dogan zugleich Trainer und Leiter der Frauenabteilung. Er hatte die Idee, dass Mädchen und Frauen bei Türkiyemspor mitspielen sollten. Gemeinsam mit zwei Vereinskollegen dachte er sich das Konzept aus. Drei Männer gründeten die Frauenabteilung, die Strukturen im Verein erlaubten wohl nichts anderes. Murat Dogan ist das egal, ihm ging es immer um die Sache: »Drei Dinge waren uns wichtig: Dass Frauen hier spielen und unbedingt auch Trainerinnen sind. Dass wir für Spielerinnen aller Nationen offen sind. Und dass wir die Mädchen und Frauen hier stark machen.«

Bei den Türkiyemspor-Frauen seien die Hierarchien bewusst flach gehalten, die Aufteilung in Cheftrainer und Cotrainer gebe es beispielsweise bei der Frauenelf nicht. »Hier soll jeder die gleiche Stimme haben, das Prinzip der Gleichberechtigung soll auch da gelten.« Im Trainerteam von Türkiyemspor sind sieben Frauen und sieben Männer: »Wir finden, das ist eine gute Mischung«, sagt Murat Dogan. Es sei gar nicht so leicht, Frauen zu finden, die Trainerinnen sein wollen. »Viele hören nach ihrer Zeit als Spielerin auf. Wir versuchen aber, immer mehr Spielerinnen aus unseren Frauenteams dazu zu bewegen. Das klappt ganz gut.«

Mittlerweile wird es lauter im Kabinentrakt. Die Spielerinnen aus dem Frauenteam treffen ein, es gibt herzliche Umarmungen mit denen, die schon da sind - Karla Krüger beispielsweise: Die 21-Jährige spielt nicht nur im rechten Mittelfeld des Frauenteams, mit dem sie gleich ihre Übungseinheit absolvieren wird, sie hat zuvor schon die C-Mädchen trainiert, den Fußballerinnen aus der Altersklasse der Unter-15-Jährigen.

Für ihre Trainerinnentätigkeit hat Karla Krüger die sogenannte C-Lizenz erwerben müssen. Den Prüfer vom Berliner Fußballverband verblüffte sie dabei ganz bewusst, als sie dem altgedienten Ausbilder vorschlug, die sogenannte »Lehrprobe«, also den praktischen Teil der Prüfung, nicht mit Jungs, sondern mit Mädchen abzuhalten. »Hm, naja, gut!«, habe der Prüfer erst mit hörbarem Zweifel gesagt, erzählt sie. Aber am Ende sei er restlos begeistert gewesen, sagt Karla Krüger: »Er hatte vor Rührung sogar Tränen in den Augen, und das nicht nur, weil es sein letzter Kurs als Ausbilder war!«

Karla Krüger ist 21, aber dennoch die dienstälteste Türkiyemspor-Spielerin: Sie spielte in jenem ersten D-Mädchenteam von 2004, das einst Türkiyemspors einziges Frauenteam war. Sie ist die einzige, die aus dieser Zeit noch dabei ist. Seither hat sie nicht nur die gendergerechte Fußballsprache erlernt - Team statt Mannschaft, Hinterfrau statt Hintermann, sondern auch eine Menge Anfeindungen erlebt. Auch anno 2015 hat es ein Verein nicht leicht auf Berliner Fußballplätzen. »Die sollen deutsch reden!« laute eine der harmloseren Formulierungen, die Türkiyemspor-Spielerinnen bei Auswärtsspielen schon bei der Ankunft begegnet - aus Reihen der Eltern des gegnerischen Teams.

Der Verein hat etliche Aktionen für Integration und gegen Fremdenfeindlichkeit gestartet, Karla Krüger hat bei vielen mitgemacht. Derzeit arbeitet sie bei einem Projekt mit, das Sinti- und Roma-Kinder mit Fußball aus der Isolation holen will. Die Flüchtlingskinder sollen Selbstachtung erlernen und Wertschätzung erfahren. Ihr selbst habe der Sport genau das gegeben, sagt die junge Frau. Fußball habe sie zu dem gemacht, was sie ist. »Freunde kamen und gingen, aber Fußball blieb.«

Im Verein geht es familiär zu, jede Nachwuchsspielerin bekommt eine »Abla« (türkisch: ältere Schwester, auch ältere Frau) aus dem Frauenteam zugeordnet. Bei Karla Krüger hat sich die Prägung durch Türkiyemspor sogar auf die Wahl ihres Studienfachs ausgewirkt. »Es musste etwas Technisches sein, wegen Frauenpower und so. Nun fange ich im April mit Mathematik an der TU Berlin an«, strahlt sie.

Am Sportplatz Blücherstraße hat der Regen mittlerweile aufgehört. Das Training der D-Mädchen ist zu Ende, die zehnjährige Zerina kommt vom Platz. Sie staunt, als da ein Reporter steht und wissen will, wer eigentlich ihre Lieblingsspielerin ist? Marta? Célia Šašić? Oder doch Messi? »Mein Vorbild ist Karla Krüger«, sagt sie ohne Zögern. Warum? »Ich hab am 8. März Geburtstag, dann ist Frauentag. Karla fährt mit mir zu Tora, meiner Abla, die jetzt in Hamburg studiert.«

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