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Bibi Soundso

Matthias Dell über das Idealmedium des Bürogesprächs: Der »Tatort: Grenzfall« als Wundertüte voll von lauter tollen Auftritten und fetzigen Dialogen

Im Klubfußball geht’s um diese Jahreszeit in die entscheidenden Partien der Champions League, und auch im Sonntagabendkrimi läuft es gerade gut. Erst das zwar nicht ganz gelungene, aber doch interessante gedachte Abschiedsspiel für Fränki Steier in Frankfurt, dann das meisterliche Rostock und nun: Wien. Genauer gesagt: Waldviertel, das im Film insideristisch nur Ausland genannt wird, weil es an der Grenze zu Tschechien liegt.

Dass der »Tatort: Grenzfall« (ORF-Redaktion: Alexander Vedernjak, Andrea Zulehner) von der geografischen Lage Gebrauch machen will, zeigt schon der Name an. Im munteren Zentralismus des stolzen K.u.K-Rests ist kein Problem, den Brummbär Eisner (Harald Krassnitzer) und die Bibi (Adele Neuhauser) mal eben aus der Hauptstadt in die Provinz zu verschieben. Im Gegenteil, es wird sich noch drüber amüsiert: Als die beiden Ermittler am »Tatort« eintreffen, sind die zu befragende Zeugen wie die nur leicht, aber schön schnepfige Archäologieprofessorin (Andrea Clausen) schon wieder zurück in Wien.

Überbracht wird die Nachricht vom lokalen Oberleutnant Kurz (Michael Fuith), dessen Standardantwort die des Subalternen ist, der seine Stellung von der Pieke auf gelernt hat (»Das dürfen Sie mich nicht fragen«). Am Ende des Films lässt sich das Abscheißerische an der Figur mit dem gleichen Satz noch ins Schweijkhafte umdeuten (wenn Kurz den Verfassungsschutz auf Abstand hält durch sein Desinteresse an Eigeninitiative), was zeigt, wie viel sich mit einer Nebenfigur erzählen lässt.

Auch die Kamillentee trinkende Archäologieprofessorin wäre dafür Beleg; ein schöner Vogel mit leuchtendem Gefieder; sie hat nicht viel zu sagen, macht sich aber durch unvergessen durch das, was sie so raushaut, onomastische Beobachtungen etwa (»Die heißen alle wie in irgendwelchen Kinderbüchern«), die man als sanften Meta-Kommentar zum »Tatort« selbst lesen kann, weil’s ja um die Namen der Hauptfiguren geht (Moritz, Bibi). Ebenso: Wie die Professorin ihre finale Entdeckungsstory lang und breit aufbaut vor dem Eisner und der Bibi (»Ich bin dramaturgisch gewieft«).

Kurz, die entgeisterte Eingangsfrage der Bibi in Richtung Eisner angesichts des neuen Kollegen Manfred »Fredo« Schimpf (Thomas Stipsits) - »Hast du einen Komiker bestellt?« -, zielt ins Herz der Bemühungen von Rupert Henning (Buch und Regie): »Grenzfall« ist zuerst eine Wundertüte voll von lauter tollen Auftritten und fetzigen Dialogen (»Ich hab’s gesagt« - »Dann hab ich’s gehört«).

Manchmal geht es auch übers Ziel hinaus, wie bei der statisch selbsttollen-burgtheatralen Live-Investigier-Vorlesung des Gerichtsmediziners Kraindl (Günter Franzmeier). Aber zum einen zählt die Lust, die die Figuren vermitteln, die Freude, die sie machen. Und zum anderen handelt der »Tatort«, also Idealmedium des Bürogesprächs, doch von den Träumen und Realitäten des Angestellten, also von Hierarchiegefälle, Kaffeetassensprüche-Humor und anderen Zumutungen der Außenwelt um den eigenen Schreibtisch.

Beeindruckend an »Grenzfall« ist tatsächlich die Fülle der Abschweifungen, gerade weil der Fall als Wiederaufnahme einer Jugendsünde, einer lang zurückliegenden Begebenheit einigen Erklärbedarf hat. Der ist nicht immer restlos spannend, in seinen Interludes (Bibi und der Journalist Ryba) verliert der Film mitunter an Rhythmus und Tempo, gerade wenn das Klavier (Musik: Kyrre Kvam) arg auf Dekoration macht.

Etwas unrund macht sich zuletzt die versuchte Kalte-Kriegs-Aufarbeitung: Die pauschal-versöhnlichere Widmung am Ende von »Grenzfall« (»zur Erinnerung an die Opfer auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs«) spricht für die großen Zwecke, die der Film hat. Kriminalfall, aber auch Staatserinnerungsakt. Geht selten gut. Auch hier nicht so richtig, wie man etwa dem Move sieht, den toten Vater der Sympathiefigur (Journalist Ryba) zu rehabilitieren, weil der anders als die verlogenen Gesellen einst aufhören wollte mit der Spitzelei für den tschechischen Geheimdienst.

Der Film, der da ein wenig schonungsloser und ambivalenter in den moralischen Haushalt der scheinbar überlegenen Seite feuert (Warum könnte der Vater vom Ryba nicht auch ein mieser Spion gewesen sein?), muss noch gedreht werden.

Ein Ausruf, der Frank-Plasberg-Sendungen gilt, in denen Birgit Kelle besetzt wird:
»Ach, so, das ist unsere Steinzeitfrau.«

Eine Erklärung, mit der man auf Stehpartys reüssieren kann:
»Wir haben gerade über die Erbfolge im tschechischen Geheimdienst gesprochen.«

Eine Idee, auf die Günther Maleuda nie gekommen ist:
»Ich verbreit' hauptsächlich ein bissel Landluft im Parlament.«

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