Nach dem Sturm

Lafcadio Hearns poetische Erzählung von der Unterlegenheit des Menschen

Beinahe wäre dieses grandiose Werk untergegangen, so wie das vierjährige Mädchen Conchita, das der bereits im Jahr 1888 veröffentlichten Novelle von Lafcadio Hearn ihren Namen gab. Im Kanon der großen amerikanischen Literatur kaum bemerkt, bringt der Verlag Jung und Jung diese düstere wie tief poetische Geschichte um eine Naturkatastrophe im Mississippi-Delta erstmals auf Deutsch heraus und verschafft damit diesem zu Unrecht vergessenen Autor eine neue Öffentlichkeit.


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* Lafcadio Hearn: Chita. Roman. A. d. Engl. v. Alexander Pechmann.
Verlag Jung und Jung. 136 S., geb., 17,90 €.


In einer stürmischen Augustnacht im Jahre 1856 verschlingt ein Orkan die Isle Dernière, eine Inselgruppe südlich von New Orleans. Der Sturm nimmt sich alles. Die Wucht so stark, dass sie den Wellen die Köpfe abreißt. Der Himmel eine einzige Wand aus Sprühnebel. 200 Menschen verlieren ihr Leben, die in einem Nobelhotel, der eigenen Sterblichkeit zum Trotz, bis zum Schluss der Naturgewalt entgegentanzen. Von der Insel war ab da an fast nichts mehr übrig. Im Wasser entdeckt der spanische Fischer Feliu Viosca eine Frau, die sich an einen umhertreibenden Billardtisch klammert. Sie ist tot, aber das Kind, mit einem Seidenschal auf ihren Rücken gebunden, lebt. Er und seine Frau, die selbst ein Kind vor langer Zeit verloren haben, nehmen das kleine Mädchen bei sich auf. Sie nennen sie Conchita, nach ihrer eigenen, bereits verstorbenen, Tochter. Unwissend, dass ihr leiblicher Vater noch lebt.

Die tragische Sturzflut geht auf wahre Ereignisse zurück. Hearn ließ sie sich vom Schriftsteller George Washington Cable erzählen. Hearn, der bisher als hochgelobter Journalist in Cincinnati arbeitete, war sich sicher, dass diese Geschichte ihn beflügeln würde. »Sie erinnern sich an meinen uralten Traum von poetischer Prosa«, schreibt er an einen Freund. »Ich glaube wirklich, dass ich dies endlich bewerkstelligen kann.« Er beschreibt in »Chita« eine komplex verästelte Verbindung von Mensch und Natur, in der alles mit allem zusammenhängt.

In den Geflechten der Sätze vermag sich der Leser ebenso zu verlieren wie ein Reisender in den Kanälen, ihren Gabelungen und den umliegenden Sumpflandschaften der Mississippi- Mündung. Die Kultur und Sprache dieser Region: ein Gewebe an Identitäten, die die Menschen hierhin mitbrachten. Das Englische, Spanische und Französische verschmilzt im Kreolischen, dazu das philippinische Tagalog. Sie alle leben hier in einem Mikrokosmos zusammen, der Grenzen kaum erkennen lässt, so wie die Natur im Sturm zu einem chaotischen Ganzen wird.

Hinter den magischen Naturbeschreibungen müssen die Menschen und ihre Beziehungen erzählerisch fast zwangsläufig zurückstecken. Auf den ersten zwanzig Seiten taucht keine einzige Person auf. Hearn widmet sich in einer fast autistischen Präzision der Natur, die in ihrer sprachlichen Poetik kaum zu übertreffen ist.

Die Sätze Hearns zwingen dazu, sie sich selbst laut vorzulesen, weil die Kraft der Sprache so gewaltig ist, dass sie das Hirn und seine Schale sprengen würde, behielte man sie darin gefangen. Aber einfach macht er es dem Leser nicht, die Novelle durchziehen Zitate auf Französisch und Spanisch, die teilweise unübersetzt bleiben. Die Sprache ist streckenweise wie die Landschaft, die er beschreibt, ein Fetzen. Dann verdichtet sie sich zu einer gewaltigen Sinfonie des Untergangs.

Spät wurde Hearn die Ehre zuteil, in die Library of America aufgenommen zu werden. In unmittelbarer Nachbarschaft: Nathaniel Hawthorne und Henry James. Dazwischen er, dem die amerikanische Literaturwissenschaft gerade so viele Aufsätze gewidmet hat, dass sie in einen Toyota Corolla passen, schrieb Literaturkritiker Alexander Nazaryan. Schuld sei Hearns Rastlosigkeit, die ihn und seine Werke so schwer einordnen lässt.

Geboren auf der ionischen Insel Lefkada, Sohn eines irischen Militärarztes und einer Griechin, wächst Patrick Lafcadio Tessima Carlos Hearn in Irland, England, Frankreich und schließlich in Nordamerika auf. Er geht als Reporter nach Cincinnati und wird für seine schaurigen Reportagen aus Schlachthäusern und Elendsvierteln gefeiert. Und schließlich wegen einer Mischehe mit einem schwarzen Küchenmädchen gefeuert. Er findet keine Arbeit, schläft auf Parkbänken, erkrankt an Denguefieber, ist auf dem linken Auge blind. Er geht nach New Orleans. Hält es auch dort nicht lange aus und macht Urlaub auf einer kleinen Insel im Golf von Mexiko. Dort erfährt er vom großen Unwetter im Jahr 1856.

Die letzten vierzehn Jahre verbringt Hearn in Japan, heiratet die Tochter einer verarmten Samurai-Familie und nimmt den Namen Koizumi Yakumo an. Er wird berühmt für seine Erzählungen japanischer Geistergeschichten. Was für ein Leben, was für ein Buch.

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