Tragisch und traumatisch

Zwei neue Bücher berichten über das Leben der Besatzungskinder in Deutschland

Jan aus Sommerfeld bei Brandenburg musste jahrelang Hohn und Spott seiner Klassenkameraden und der Dorfbewohner ertragen. Er war »das Russenkind«, seine Mutter ein Opfer von Vergewaltigungen, von deren Schicksal er erst auf beharrliche Nachfrage erfuhr. Er gehört zu den etwa 400 000 Kindern, die im ersten Nachkriegsjahrzehnt von Besatzungssoldaten gezeugt worden sind.


Buch im nd-Shop bestellen:
* Silke Satjukow/ Rainer Gries: »Bankerte!« Besatzungskinder in Deutschland nach 1945.
Campus. 415 S., geb., 29,90 €.

Ute Baur-Timmerbrink: Wir Besatzungskinder. Töchter und Söhne alliierter Soldaten erzählen.
Ch. Links Verlag. 239 S., geb., 19,90 €.


Die alliierten Siegermächte hatten am 5. Juni 1945 die oberste Regierungsgewalt über Deutschland übernommen; auch Österreich wurde von ihnen besetzt. Trotz Fraternisierungsverbots kam es zu sexuellen Kontakten sowjetischer, amerikanischer, britischer und französischer Soldaten und Offiziere mit einheimischen Frauen. Die Folgen waren für letztere oft tragisch und traumatisch. Hatten sie sich doch kurz nach dem Krieg »mit dem Feind eingelassen«. Die Kinder fühlten sich nicht angenommen und spürten, dass mit ihrer Herkunft etwas nicht stimmte. Geheimniskrämerei, Tratsch und Lügen waren an der Tagesordnung. Dunkelhäutige Kinder von US-Soldaten oder Marokkanern, die in der französischen Armee dienten, wurden zudem mit rassistischen Vorurteilen konfrontiert. Besonders schlimm dran waren Frauen, die nach einer Vergewaltigung schwanger wurden. Viele ließen sich aber auch auf intime Beziehungen mit den Besatzern ein, um die wirtschaftlichen Entbehrungen der Nachkriegszeit zu mildern - meistens auch ohne Happy End.

Die ersten Besatzungskinder wurden Ende 1945/Anfang 1946 geboren. Uneheliche Geburt galt als Makel. Gelang es den Müttern nicht, sich zu verheiraten, war ein Leben in prekären Verhältnissen vorgezeichnet. Nicht immer wussten die Männer von ihren Vaterfreuden, häufig wurden sie beim Bekanntwerden der Vaterschaft an andere Standorte versetzt oder in ihre Heimat zurückgeschickt.

Silke Satjukow und Rainer Gries wollten wissen, wie Besatzungskinder aufwuchsen und welche Einstellungen sie zu den beiden deutschen Nachkriegsgesellschaften entwickelten. In den westlichen Besatzungszonen kontrollierten die Jugendämter den unehelichen Nachwuchs, in der sowjetischen Zone trug die Mutter das Sorgerecht. Auch gab es im Osten ein liberaleres Indikationsmodell für einen Schwangerschaftsabbruch. Viele ehemalige Besatzungskinder haben ihren Lebensweg gefunden. Jan aus Sommerfeld konnte mit seiner Partnerin Sandra als Schlagerduo in der DDR Erfolge feiern.

Heute sind die ersten Besatzerkinder im Rentenalter und haben Muße, sich intensiv mit ihrer Herkunft auseinander zu setzen. Wie wichtig die Fragen der eigenen Identität ist, zeigt Ute Baur-Timmerbrink, die zwölf Besatzerkinder porträtierte, die sich auf Spurensuche begaben. Einige fanden glücklich nicht nur ihren hochbetagten Vater, sondern auch Stiefgeschwister, andere wiederum wurden enttäuscht. Dieses Buch gibt auch Hinweise zu Anlaufstellen und Adressen, an die Suchanfragen gerichtet werden können. Beide Bücher beleuchten ein bisher wenig beachtetes Kapitel unserer Geschichte, das mit dem von Deutschland entfesselten Zweiten Weltkrieg seinen Anfang nahm.

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser*innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede*n Interessierte*n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor*in, Redakteur*in, Techniker*in oder Verlagsmitarbeiter*in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung