Die Shoah bleibt singulär

Giddon Ticotsky über deutsch-israelische Beziehungen und aktuelle literarische Sujets

An diesem Mittwochabend wird traditionell im Leipziger Gewandhaus die Frühjahrsbuchmesse eröffnet. Der Schwerpunkt in diesem Jahr: »1965 bis 2015. Deutschland – Israel«. 40 Autoren aus beiden Staaten kommen in über 70 Veranstaltungen zu Wort, 
sprechen über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Am ersten Messeabend findet die »Lange Nacht der deutsch-israelischen Literatur« statt, und der »Club Tel Aviv« lädt ins Schauspiel Leipzig ein, wo unter anderem Amos Oz, Meir Shalev und Mirjam Pressler zu erleben sind. In Halle 1 präsentieren unter dem Motto »Streifzüge – Wanderings« mehr als 40 Künstler aus Israel ihre Comics. Zum Messeschwerpunkt 50 Jahre diplomatische Beziehungen zwischen Deutschland und Israel ist ein kostenloses E-Book über alle gängigen Online-Buchshops erhältlich, in dem es neben Hintergrundinformationen zu den beteiligten Autoren auch Leseproben gibt.

nd: Erfährt der 50. Jahrestag der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und dem Staat Israel in der israelischen Gesellschaft eine besondere Aufmerksamkeit? Und wie schätzen Sie die Beziehungen heute ein?
Ticotsky: Dieser Jahrestag spielt eine Rolle in bestimmten Kreisen, vor allem in akademischen. Meiner Ansicht nach sind die deutsch-israelischen Beziehungen in einer neue, hoffnungsvolle Phase getreten. Beide Nationen teilen heute viele Zukunftsvisionen, ohne die Vergangenheit zu vergessen.

Dominiert die Shoah nach wie vor die israelische Literatur, ob Belle-tristik oder Sachbücher?
Ich würde nicht sagen, dass die Shoah die israelische Literatur dominiert. Und ich bezweifele, dass sie es je tat. Als ein einschneidendes historisches Ereignis, ein monströses Verbrechen, hinterlässt sie Spuren in der Literatur, direkt oder indirekt, wie auch in allen anderen gesellschaftlichen Bereichen.

Überdeckt in der öffentlichen Diskussion heute der islamistische Terror, ob von IS, Al Quaida oder Hamas, die Leiden des jüdischen Volkes vergangener Jahrhunderte?
Meiner Ansicht nach ist Leiden kein Hügelgrab, bei dem eine neue Schicht die alte überlagert und verdeckt. Und trotz des alten jüdischen Sprichwortes: »Die jüngsten Sorgen lassen die vorangegangenen vergessen«, bleibt die Shoah einzigartig, stets gegenwärtig und unvergleichlich.

Die Zahl der in Israel lebenden Menschen arabischer Herkunft wächst stetig. Werden dadurch auch die literarischen Sujets beeinflusst?
Ich denke ja. Die Einflüsse sind in vielen jüngsten literarischen Arbeiten sichtbar, so in Dorit Rabinyans letzter Novelle »Borderlife«, eine israelisch-palästinensische Liebesgeschichte. Ich wünschte mir aber, den arabisch-israelischen Erfahrungen würde ein noch größerer Stellenwert zukommen als bisher.

Wer ist Ihr liebster Gegenwartsautor?
Das ist eine schwierige Frage. Wenn ich nur zwei lebende Autoren nennen sollte, dann wären dies der Schriftsteller Haim Be'er und die Dichterin Hamutal Bar-Yosef. Die beiden verzahnen in ihrem Schreiben Tradition und Innovation; ich bewundere ihre Werke.

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