Wenn Berlin Athen überholt

Online-Dienst des Deutschen Wetterdienstes soll Städten bei Anpassung an Klimawandel helfen

  • Von Steffen Schmidt
  • Lesedauer: 3 Min.
2014 war das wärmste Jahr in Deutschland seit Beginn der Messungen vor 134 Jahren. Der Deutsche Wetterdienst berät Städte bei der Anpassung an die höheren Temperaturen.

Ein Blick nach Rom oder Athen könnte den Kommunalpolitikern in Berlin, München oder im Ruhrgebiet eine Ahnung davon geben, was klimatisch auf sie zukommt. Denn nach Angaben des Deutschen Wetterdienstes (DWD) ist es in den letzten zwanzig Jahren nicht nur kontinuierlich wärmer geworden in Deutschland. Die Messwerte für die Städte liegen in der Regel noch mal deutlich über denen für das flache Land. Berlin etwa ist mit einer durchschnittlichen Jahresmitteltemperatur von 9,6 °C das wärmste Bundesland, während das Flächenland Bayern im langjährigen Vergleich nur auf 7,5 °C kommt. Die Temperaturkarte zeigt aber, dass auch kleinere Städte etwa an der Elbe in Mitteldeutschland oder im Rheintal von überdurchschnittlicher Erwärmung betroffen sind.

Deswegen verwies DWD-Vizepräsident Paul Becker auf der Klimapressekonferenz des Wetterdienstes in Berlin auf die Notwendigkeit, die deutschen Städte besser gegen die Folgen des Klimawandels zu wappnen. Die zu erwartende weitere Erwärmung bis zum Jahre 2050 werde vor allem für den zunehmenden Anteil älterer Menschen gefährlich. Selbst ein Vergleich mit einem Sommer in Rom oder Athen gebe wohl nur eine schwache Vorahnung der Verhältnisse in 30 Jahren. »Die Planungen müssen jetzt beginnen«, appellierte Becker angesichts der langen Laufzeit für solche Stadtumbauten.

Städte sind allerdings nicht nur die Hauptleidtragenden einer Erwärmung, sie sind auch Hauptverursacher. Sie setzen mehr Treibhausgase und Wärme frei als das Umland, auch die Bodenversiegelung ist weit größer. Alles Faktoren, die man mit Stadtplanung beeinflussen kann.

Wie, das können Stadtplaner ab sofort auf einer Online-Plattform des DWD testen. Das Angebot richtet sich insbesondere an kleine und mittelgroße Städte, da dort häufig die nötigen Untersuchungen und Experten fehlen. Die Nutzung des Simulationsportals www.dwd.de/inkas ist kostenlos.

Bisher kann das Programm auf der Webseite immer nur für einen Faktor berechnen, wie er sich auf das Stadtklima auswirkt. Als Beispiele nannte Becker veränderte Gebäudehöhen und Baumaterialien, mehr Grün- und Wasserflächen oder die Begrünung von Dächern. »Dadurch lassen sich Kosten-Nutzen-Analysen erstellen«, sagte der DWD-Vizepräsident. Im Dialog mit den Nutzern werde man das Programm weiter ausbauen, sodass auch die kombinierte Wirkung mehrerer Maßnahmen simuliert werden könne.

Auf die Frage, wie sich die wünschenswerten Maßnahmen - durchgehende Grünzüge, Wasserflächen, weniger Bodenversiegelung - mit dem Trend des Zuzugs in die großen Städte und dem notwendigen Wohnungsneubau vereinbaren ließen, räumte Becker einen Konflikt ein, den die Stadtväter letztlich politisch entscheiden müssten. Der Wetterdienst könne nur sagen, welche Auswirkungen diese oder jene Veränderung auf das städtische Klima hat.

Der Hydrometeorologe Thomas Deutschländer wies in seiner Übersicht über die Messwerte des Wetterjahres 2013/14 auf die Zunahme extremer Niederschlagsereignisse hin, die wegen ihrer zeitlichen und räumlichen Beschränkung letztlich auch durch Stadtplanung nur begrenzt berücksichtig werden könnten. So seien bei dem extremen Starkregenereignis am 28. Juli 2014 im Raum Münster innerhalb von nur 95 Minuten 220 Liter pro Quadratmeter gefallen. Insgesamt waren es in sieben Stunden 292,4 Liter pro Quadratmeter, die vierfache Menge eines normalen Monats. Selbst bei dem bisherigen Rekordregen vom 12./13. August 2002 in Zinnwald-Georgenfeld, wo insgesamt 312 Liter pro Quadratmeter fielen, habe der Stundenwert »nur« bei 25 bis 30 Litern gelegen.

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