Von Norbert Suchanek

Nach der Dürre kommt die Flut

Dürre in Brasilien als Symptom des Klimawandels durch Regenwaldabholzung. Von Norbert Suchanek , Rio de Janeiro

Südostbrasilien ist die Heimat des Atlantischen Regenwaldes, eine Region mit doppelt so viel Niederschlag wie in Deutschland, reich an kristallklaren, gewaltigen Wildbächen, Wasserfällen, Flüssen und Lagunen. Hier entstanden ab Mitte des 16. Jahrhunderts die heutigen Millionenstädte und Industriezentren São Paulo und Rio de Janeiro.

Noch bis Anfang des 20. Jahrhunderts war der sich wie eine Schlange windende Fluss Tieté Schlagader São Paulos. Heute ist er kanalisiert und mangels funktionierender Kläranlagen eine stinkende Kloake. Rio de Janeiros natürliche Trinkwasserquelle war einst der Rio Carioca, der im Bergregenwald unterhalb des Corcovado entspringt. Die Bewohner Rios nennen sich zwar noch immer nach dem Fluss, doch dessen Wasser ist schon lange nicht mehr zum Trinken oder Baden zu empfehlen. Seit Jahrzehnten transportiert der kanalisierte Rio Carioca nur noch die Abwässer in die Guanabara-Bucht am Strand von Flamengo.

Rio Tieté und Rio Carioca sind symptomatisch für die Flüsse Südostbrasiliens. Laut einer Untersuchung des Landesumweltinstituts von Rio de Janeiro (INEA) vom November 2014 sind bis auf den Rio Caceribú so gut wie alle Flüsse und Wildbäche im Wassereinzugsgebiet von Rios Guanabara-Bucht stark verunreinigt. Das gleiche gilt für das Lagunensystem von Jacarepagua im Süden der Millionenmetropole, wo seit den 1970er Jahren - ohne Rücksicht auf den Gewässerschutz - der neue Stadtteil der gehobenen Mittelklasse, Barra da Tijuca, in die Dünen- und Lagunenlandschaft geklotzt wurde. Ein rasant wachsender Stadtteil mit hohen Appartement- und Hotelblocks für Tausende von Menschen, deren Abwässer ungeklärt in die Lagune oder ins Meer vor der eigenen Haustür gelangen.

Wie in São Paulo basiert deshalb auch in Rio de Janeiro die Trinkwasserversorgung seit langem auf einem System von Staudämmen und Stauseen. Doch seit rund zwei Jahren mangelt es an Regen. »Die schlimmste Dürre seit über 80 Jahren«, so die Schlagzeilen. Die Stausseen liegen weitgehend trocken. Die beiden wichtigsten Wasserspeicher-Systeme São Paulos, Cantareira und Alto Rio Tieté, sind bist fast auf den Grund leer gepumpt und erreichen gerade mal noch fünf Prozent ihrer normalen Speicherkapazität. Das Gleiche gilt für die Trinkwasser-Reservoirs von Rio de Janeiro.

»Die Situation ist sehr ernst«, wird der brasilianische Meteorologe Paulo Nobre im Fachblatt »Science« zitiert. Und Wasserexperte Adacto Ottoni von der Universität Rio de Janeiro (UFRJ) sieht es kaum anders: Falls bis zu Beginn der Trockenzeit im April nur wenig Regen fallen sollte, werde Rio de Janeiro spätestens ab August Wasser rationieren müssen. Das System drohe zu kollabieren, warnt er. »Und wenn nicht in diesem Jahr, dann im nächsten, wenn die Olympischen Spiele in Rio mit Zehntausenden von Touristen just in der Trockensaison stattfinden.«

»Selbst wenn der März noch durchschnittliche Niederschlagsmengen bringen sollte, wird es in dieser Regenzeit nur rund 900 Millimeter Niederschlag gegeben haben«, analysiert der Deutsche Wetterdienst (DWD). »Eine ausreichende Versorgung mit Trinkwasser für die Bevölkerung und Brauchwasser für die Industrie dürfte dann nicht mehr gewährleistet sein.« Zudem sagten die Wetterfrösche für die nächsten Monate ein zumindest moderat zu warmes Klima im Südosten Brasiliens voraus, was die Verdunstung der verbliebenen Wasserreserven noch erhöht.

Regionaler Klimawandel, ausgelöst durch Abholzung großer Regenwaldflächen in Amazonien, könnte die Ursache dieser ungewöhnlichen Dürre sein. Es gebe starke Anzeichen dafür, dass ein Großteil des Regens in Südostbrasilien aus Amazonien stammt, schreiben brasilianische Klimaforscher in zwei neueren Veröffentlichungen.

Das Regenwalddach Amazoniens wirke wie eine Pumpe, die riesige Mengen verdunstenden Wassers nach Südostbrasilien transportiert, so der Amazonasforscher Antonio Donato Nobre. Jeder Baum weniger störe dieses System. Es sei längst wissenschaftlich erwiesen, dass Abholzung zu einem unwirtlichen Klima führt, erinnert Nobre. Dieser hatte die heutige Wasserkrise im Südosten bereits 2005 vorausgesagt. Nobre: »Mit der seit 40 Jahren anhaltenden, systematischen Vernichtung der Amazonaswälder schlachten wir das Huhn, das goldene Eier legt.« Die extreme Dürre in Rio und São Paulo sei wie ein seit Jahren »angekündigter Mord«.

Hinzugekommen sind Auswirkungen der globalen Erwärmung. »Die bereits gemessene und mit großer Sicherheit sich fortsetzende globale Erwärmung werde aufgrund der entsprechend erhöhten Verdunstung die Wasserverfügbarkeit im Südosten Brasiliens in Zukunft zusätzlich verringern«, so der Deutsche Wetterdienst.

Der Regenmangel ist aber nicht der alleinige Grund für die entleerten Stauseen. Zum einen wurde der natürliche Wasserspeicher, der Atlantische Regenwald, schon vor Jahrzehnten zu über 90 Prozent abgeholzt. Zum anderen verschwenden Paulistas und Cariocas seit langem ihr Wasser in skandalöser Weise. So ist der Wasserverbrauch der Metropole Rio de Janeiro einer der höchsten in der Welt. Jeder Carioca verbraucht im Schnitt 330 Liter Wasser pro Tag, etwa 200 Liter mehr als die Deutschen. Das Reinigen von Gehsteigen und Hauseingängen mit Trinkwasser ist beispielsweise keine Ausnahme, sondern die Regel.

Außerdem leistet sich die Millionenmetropole am Zuckerhut ein marodes Rohrleitungssystem, das so löchrig ist wie ein Schweizer Käse. Einer Untersuchung der staatlichen Universität von Rio (UFRJ) zufolge gehen 38 Prozent des kostbaren Trinkwassers unterwegs verloren, über 21 000 Liter Wasser pro Sekunde. Das reiche für die Versorgung einer Stadt mit sechs Millionen Einwohnern.

Währenddessen nutzt der frisch gewählte Gouverneur von Rio de Janeiro, Luiz Fernando Pezão, die Wasserkrise, um von der Regierung in Brasilia Geld für den Bau eines neuen, schon von seinem Vorgänger geplanten, auf rund 90 Millionen Euro veranschlagten Staudamms zu bekommen. Der Fluss Guapiaçu im Regenwald-Bezirk Cachoeiras de Macacu soll auf etwa 2000 Hektar aufgestaut und eines der fruchtbarsten Täler im Staat Rio unter Wasser gesetzt werden. Etwa 1000 Bauern werden ihr Land verlieren und Rio de Janeiro einen seiner mit wichtigsten lokalen Nahrungsmittelproduzenten, kritisiert Brasiliens Vereinigung der Geographen (AGB). Überdies sollen für den Staudamm zwölf Millionen Bäume gerodet werden, kritisiert Sergio Ricardo, ein Umweltschutzaktivist aus Rio de Janeiro, und spricht von einem Umweltverbrechen.

Die Regierung rechtfertigt das Staudammprojekt mit dem Argument, dass damit die Trinkwasserversorgung von sechs Millionen Menschen gesichert werde. Tatsächlich aber geht es wohl eher darum, ein neues petrochemisches Industriegebiet und Tausende von zuziehenden Arbeitern mit dem kostbaren Nass zu beliefern. Das 2008 in Angriff genommene, etwa acht Milliarden Euro teure Mega-Projekt von Petrobras soll eines Tages 212 000 Jobs schaffen und täglich 165 000 Barrel Erdöl verarbeiten. Bereits für die Erschließung des Industriegebiets wurden rund 45 Quadratkilometer landwirtschaftliche Nutz- und Waldflächen geopfert und der Wasserhaushalt des Gebiets massiv geschädigt.

Fehlende Staudämme seien nicht der Grund der Wasserkrise im Südosten. Das eigentliche Problem seien die vielen, durch Abholzung degradierten Wassereinzugsgebiete in der Region, erläutert der Umweltwissenschaftler Adacto Ottoni. Ohne Schutz des Blätterdachs und Wurzelwerks der Bäume könnten die Böden den Regen nicht mehr speichern. Stattdessen komme es alljährlich zu explosionsartig ansteigenden Überschwemmungen und gefährlichen Erdrutschen und danach säßen die Leute wieder auf dem Trockenen. Nach der Dürre kommt die Flut: Die nächste Überschwemmungskatastrophe im Südosten ist sicher.

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