Werbung

200 000 Mal Abschied von Russland

Auswanderung erreicht höchsten Stand seit 15 Jahren

  • Von Irina Wolkowa, Moskau
  • Lesedauer: 3 Min.

Bei uns droht die ABOkalypse!

Wir brauchen zahlende Digitalleser/innen.

Unterstütze uns und überlasse die Informationsflanke nicht den Rechten!

Mach mit! Dein freiwilliger, regelmäßiger Beitrag:

Was soll das sein

Wir setzen ab sofort noch stärker auf die Einsicht der Leser*innen, dass linker Journalismus auch im Internet nicht gratis zu haben ist – mit unserer »sanften« nd-Zahlschranke.

Wir blenden einen Banner über jedem Artikel ein, verbunden mit der Aufforderung sich doch an der Finanzierung und Sicherstellung von unabhängigem linkem Journalismus zu beteiligen. Ein geeigneter Weg besonders für nd-Online-User, die kein Abo abschließen möchten, die Existenz des »nd« aber unterstützen wollen.

Sie können den zu zahlenden Betrag und die Laufzeit frei wählen - damit sichern Sie auch weiterhin linken Journalismus.

Aber: Für die Nutzung von ndPlus und E-Paper benötigen Sie ein reguläres Digitalabo.

Viele Russen wollen nicht mehr in ihrer Heimat bleiben. Sie bangen um ihre Arbeitsplätze, fühlen sich vom Staat gegängelt und vom Kalten Krieg bedroht.

Ständiger Begleiter der Moskauer Familie Karawajew ist seit einigen Wochen »Russia today«, der russische Fernsehkanal für das Ausland. »Wegen der Sprache«, erklärt Sergei, der als IT-Techniker noch bei einer Moskauer Software-Firma arbeitet.

Im Dezember hat er bei der kanadischen Botschaft einen Einwanderungsantrag abgegeben. Das Interview dazu sei positiv ausgefallen, sagt der 32-jährige. Er und Ehefrau Swetlana, eine auf Geriatrie spezialisierte Ärztin, hätten die geforderte Punktzahl für Bewerber mühelos erreicht. Mit Sascha haben sie einen vierjährigen Sohn. Zwei weitere Kinder sind das Ziel. »Sobald wir es drüben geschafft haben«, sagt Swetlana, »werden wir intensiv daran arbeiten«.

Die Familie Karawajew ist kein Einzelfall. Allein zwischen Januar und August 2014 verließen laut offiziellen Angaben 203 659 Russen ihr Land wahrscheinlich für immer. Das ist der höchste Wert der letzten 15 Jahre. Besondere hoch ist die Zahl der Aussiedler im Raum Kaliningrad. Die Bewohner der Ostsee-Exklave nutzten die erleichterte Einreise nach Polen und in die Baltenstaaten offenbar nicht nur zum Einkauf. Sie staunen auch darüber, was sich dort trotz aller Mängel in kurzer Zeit zum Besseren verändert hat. Deutschland ist für gut ein Fünftel aller Antragsteller das Land der Träume und steht damit unangefochten auf Platz eins der Auswanderer-Wunschliste.

Experten erklären das Phänomen nicht nur mit der anhaltenden Wirtschaftskrise, deren Talsohle selbst aus Sicht staatsnaher Experten noch nicht durchschritten ist und viele Menschen um ihren Arbeitsplatz bangen lässt. Umfragen zufolge stört Ausreisewillige zunehmend auch der bevormundende Obrigkeitsstaat. Er gängelt seine Bürger und traktiert Start-ups mit Bürokratie und Regulierungswut. Hinzu kommen Angst vor Überfällen oder einer »Enteignung« durch Neider, die Freunde oder Verwandte in den Steuerbehörden oder der Hygieneinspektion haben.

Hinzu kommt inzwischen auch die Furcht, der Eiserne Vorhang des Kalten Kriegs könnte erneut niedergehen. Militärs und anderen Geheimnisträgern sind Auslandsreisen bereits untersagt. Wann es »gewöhnliche Sterbliche« trifft, glaubt der Kanadier in spe Sergei, sei eine bloße Zeitfrage

Das Thema ist so brisant, dass die »Nesawissimaja Gaseta« ihm eine gesamte politische Wochenbeilage widmete. Fazit der Autoren, darunter auch oppositionelle Politiker wie Lew Gudkow: Immer mehr junge, gut ausgebildete kreative und politisch aktive Bürger kehren dem Land der Träume, wie des er damalige Präsident, Dmitri Medwedew, Russland am Ende seines vierjährigen Gastspiels im Kreml porträtierte, den Rücken.

Zwar wird der Aderlass nach den Zahlren mit Zuwanderung ausgeglichen. Allein 2014 stellten 361 384 Bürger aus den ehemaligen Sowjetrepubliken einen Antrag auf ständigen Wohnsitz in Russland. Doch die meisten sind schlecht qualifiziert, nicht motiviert und haben - fast 25 Jahre nach Ende der Sowjetunion - auch erhebliche Sprach- und Integrationsprobleme.

Die Lücke, die die Auswanderer reißen, könnten diese Zuwanderer nicht schließen, warnt der Publizist Nikolai Gulbinski. Die Macht indes halte aktive, denkende Bürger für ein politisches Risiko, ignoriere dabei jedoch die politischen Risiken von Arbeitsemigranten aus Zentralasien. Dort sind radikale Islamisten auf dem Vormarsch.

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!

9 Ausgaben für nur 9 €

Jetzt nd.DieWoche testen!

9 Samstage die Wochenendzeitung bequem frei Haus.

Hier bestellen