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»Wohnzimmer-Rassismus« durch Pegida

Universität Dresdens befragt Wissenschaftler zum Imageschaden durch fremdenfeindliche Proteste

  • Von Michael Bartsch
  • Lesedauer: 3 Min.

Die Auswirkungen der fremdenfeindlichen »Pegida«-Demonstrationen auf ausländische Wissenschaftler und auf den Ruf Dresdens sind offenbar geringer als befürchtet. Das Welcome-Center der Technischen Universität Dresden (TUD), das mehr als 400 ausländische Wissenschaftler betreut, hatte im März per E-Mail eine Umfrage gestartet. Fazit: »Mitarbeiter, Doktoranden oder Postdocs sehen Dresden weiterhin überwiegend positiv«, berichtet Leiterin Claudia Reichert.

Demnach hat fast jeder der befragten Forscher von Pöbeleien gegenüber Migranten gehört. Auch deren Ängste, etwa davor, allein einkaufen zu gehen oder öffentliche Verkehrsmittel zu benutzen, sind bekannt. Die wenigsten Wissenschaftler haben jedoch persönlich schlechte Erfahrungen gemacht. Im Gegenteil: Innerhalb ihrer akademischen Sphäre fühlen sich ausländische Forscher und Hochschulmitarbeiter ausgesprochen wohl. Die meisten würden ihren Kollegen empfehlen, zumindest einen Teil ihrer Laufbahn in Dresden zu absolvieren, heißt es.

Die promovierte Germanistin Simona Brunetti aus Italien bestätigt die Erhebung. Auch sie schätzt ihre Arbeit am Institut für Romanistik der TUD und hat persönlich keine Anfeindungen erfahren. Mit Unbehagen nimmt sie aber eine veränderte Stimmung in der Bevölkerung wahr und spricht von wachsendem »Wohnzimmer-Rassismus«. »Ressentiments gegenüber Ausländern, die vor Pegida nicht akzeptabel waren, werden jetzt offen ausgesprochen«, stellt Brunetti fest.

Locker geht der dunkelhäutige Matthew Lynch mit seinen geteilten Dresden-Erfahrungen um. Der junge Brite hat kürzlich sein Kapellmeisterstudium an der Dresdner Musikhochschule beendet und schon mehrere Orchesterprojekte dirigiert. »In meiner Heimat ist es mir nie passiert, dass ich wie hier wegen meiner Herkunft angeschrien worden bin«, berichtet er. »Das überlebt man aber«, lächelt er ironisch und betont, dass er sich ansonsten sehr wohl in Dresden gefühlt habe.

Sachsens Wissenschafts- und Kunstministerin Eva-Maria Stange (SPD) hatte sich mehrfach besorgt um die Offenheit Dresdens und den Ruf der Stadt geäußert. »Unsere Wissenschaftseinrichtungen und Hochschulen sind sehr beunruhigt über ausländerfeindliche Tendenzen in Dresden«, fasste sie die in ihrem Ressort eingehenden Signale zusammen. Gefühlte Unsicherheiten könnten internationale Kongresse und Stellenbewerbungen beeinträchtigen.

Wissenschaftliche Kongresse werden überwiegend von der Dresden Marketing GmbH ausgerichtet. Geschäftsführerin Bettina Bunge räumt ein, dass sie für das Image der Stadt kämpfen muss. »Die Demonstrationen haben dazu geführt, dass vor allem im Inland viel aufgeklärt und informiert werden muss«, sagt sie. Von Veranstaltern werde sie nach der Sicherheitslage und danach gefragt, »was da in Dresden passiert«.

Langfristig aber fürchtet die Marketingexpertin nicht um die Marke Dresden. Alle 18 wissenschaftlichen Großkongresse dieses Jahres würden stattfinden. »Wir beobachten auch kein Nachlassen im Anfragegeschäft für künftige Kongresse«, fügt sie hinzu. Alarmismus sei deshalb nicht angebracht. Damit das so bleibe, müsse sich aber das andere, offene und aufgeklärte Dresden weiterhin zeigen. Bettina Bunge begrüßt deshalb ebenso wie Ministerin Stange Initiativen wie »Dresden für alle« und »Dresden Place to be« und die von ihnen organisierte Bürgerkonferenz am vergangenen Sonnabend. epd/nd

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