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Einführung der Zensur

Das fragwürdige Kulturverständnis in Russland

  • Von Irina Wolkowa, Moskau
  • Lesedauer: 3 Min.

Als »Rückfall in die finstersten Zeiten kommunistischer Zensur« geißelte Viktor Scheinis, der zum Urgestein russischer Liberaler und zu den Vätern der 1993 verabschiedeten Verfassung gehört, Auslassungen von Magomedsalam Magomedow. Dieser, immerhin einer der Vizechefs der Kremladministration, hatte Anfang der Woche gefordert, eine Expertenkommission müsse - zumindest in staatlichen Theatern und bei staatlich geförderten Filmen - noch vor der Aufführung Einfluss auf Regie und Dialoge nehmen. Nur so ließen sich künftig Skandale wie in Nowosibirsk vermeiden.

Gemeint war Wagners »Tannhäuser«, der dort im Dezember Premiere hatte. Jungstar Timofei Kuljabin hatte die Oper als Gegenwartsstück inszeniert. Protagonist ist ein Kinoregisseur namens Heinrich Tannhäuser, der einen Film über Christi Jugend dreht. Ort der Handlung ist die Venusgrotte, wo Jesus sich mit halbnackten Mädchen vergnügt.

Orthodoxen Christen verschlug es zunächst die Sprache, Ende Februar formierte sich der Widerstand. Hunderte forderten bei einer Protestkundgebung vor dem Opern- und Balletttheater in Nowosibirsk, die Inszenierung aus dem Spielplan zu nehmen und verlangten die Entlassung von Intendant Boris Mesdritsch und des Kulturministers der Region. Auch müsse der Regisseur sich vor Gericht für Schändung religiöser Gefühle und christlicher Symbolik verantworten. Die Aufführung, so der Erzbischof von Nowosibirsk und Berdsk, sei für Christen eine ähnliche Zumutung wie die Mohammed-Karikaturen des Pariser Satiremagazins Charlie Hebdo für Muslime.

Theaterleiter Mesdritsch, der sich standhaft weigerte, die Aufführung abzusetzen, erhielt am Montag die Entlassungsurkunde. Offizielle Begründung: Wiederholte Insubordinationen gegenüber Weisungen des Kulturministeriums in Moskau. Das Wort »Tannhäuser« kommt in dem Erlass nicht vor, Mesdritsch sprach dennoch von einer Retourkutsche. Zumal fast zeitgleich der Kremlbeamte mit seinen Forderungen nach Wiedereinführung der Zensur an die Öffentlichkeit gegangen war. Offenbar mit Rückendeckung von ganz oben.

Niemand, so der Sprecher von Präsident Wladimir Putin, habe vor, Kunst und Kultur zu zensieren. Der Staat habe jedoch das Recht für »korrekte Aufführungen« zu sorgen, die »keine erhitzten Debatten in der Öffentlichkeit« lostreten.

Derartige Kompetenzen hätten nicht einmal die Kulturbürokraten seiner Majestät des Zaren gehabt, ätzte Regimekritiker Scheinis bei Radio »Echo Moskwy«. Sie hätten laut einem Gesetz, dass nach der ersten russischen Revolution 1905 verabschiedet wurde, erst nach »vollendeter Tat« - sprich Premiere - einschreiten können. Auch seien sie sehr viel belesener gewesen als viele heutige Experten, die künftig schon im Vorfeld als Korrektiv wirken dürfen. Denn dass der Vorschlag des Kremlbeamten in Kürze in ein Gesetz gegossen wird, gilt als sicher. Ein anderes Theater in Nowosibirsk übte sich daher bereits in vorauseilendem Gehorsam und strich in dem Stück »Der orthodoxe Igel« alle Passagen, die sensible Gemüter als anstößig wahrnehmen könnten. Und der Nachfolger Mesdritschs, Wladimir Kechman, Direktor des Michailowskij-Theaters von Sankt Petersburg, hat das Stück gleich ganz vom Spielplan genommen.

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