Helle Sonne Zwielicht

Steuersünden, Uli Hoeneß und Freude am gelingenden Kapitalismus.

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 7 Min.

Das Wort von der Sünde macht keine Späße: Todsünde - du ahnst sofort die Härte des Vergehens; Erbsünde - du spürst umgehend jene tiefe Wurzel, die das Böse in uns schlug. Plötzlich aber wird es rhetorisch milder: Verkehrssünder etwa, das klingt lässlich, das lädt zur Vergebung geradezu ein. Und der Steuersünder? Geht irgendwie auch durch. Vielleicht, weil wir alle das Finanzamt für betrügenswert halten. Freilich macht nervig und neidisch (nervig, weil neidisch?), mit welchen Summen die ohnehin Begüterten kriminelle Geldrettung betreiben. Uli Hoeneß, der Ex-Manager des FC Bayern München zum Beispiel. Millionen am Fiskus vorbei! Knast, Rückzahlung - ein Stück nachträglicher Gerechtigkeit. Ein Stück nur. Er ist der Erste und der Letzte nicht. Im Prinzip muss man ihn als Verschonten betrachten. Verdammt!

So denkt nicht jeder. Viele FC-Bayern-Fans haben ihm längst vergeben. Die meisten schon im ersten Moment, da der Kasus ruchbar wurde. Leute, die doch zu denen gehören, die wegen weit geringfügiger steuerlicher Vergehen schmerzhafter zur Verantwortung gezogen würden. Aber just Hoeneß steht als Beleg dafür, dass die Sünde, wird sie ein juristischer Gegenstand, in einem weit schärfer anklagenden Lichte steht als - der Sünder. Der Sünder ist der Inbegriff des - Menschen. Des schillernden Menschen. Schillern ist mehr als glänzen. Ohne Sünder gäbe es die Kunst nicht, nicht ohne Sünder kann sie existieren und nicht ohne Gott. Der Mensch ist beides: Das eine verbirgt er, das andere maßt er sich an. So kam das Zwielicht in die Welt, diese eigentliche Sonne, die uns an den Tag bringt.

Bei Hoeneß hat (und behält!) dieses Zwielicht - Leuchtkraft. Er verkörperte gelingenden Kapitalismus. Gelingender Kapitalismus ist nicht zu verachten. Beste Hollywood-Filme sind ja auch gelingender Kapitalismus. Wer gut unterhält, dem wird rasch vergeben. Unter den Starken, die einem unsympathisch sind, hat der Star Steuervorteile: Wir steuern unseren Gerechtigkeitssinn gern an ihm vorbei. Hoeneß. Der Manager per se. Zampano und - Zocker. Alles ging gut, alles ging schief. Grandios. Javier Marias, der spanische Schriftsteller, bezeichnete Hoeneß als »letzten Kaufmann mit Seele, der einzige, dem man nie übelnähme, wenn er statt von Menschen von Einkäufen redete«. Hoeneß redete nicht so. Wie es zu seinem Wesen zu gehören schien, über das Gute, das er tat, wenig zu reden. (Über das Ungute sowieso). Das Gute in einem Geschäft ist immer der Gewinn, der es ermöglicht, ein Gebender zu sein. Er war unter Marktwirtschaftlern der charaktervoll soziale Marktwirtschaftler; künftig nun ist er alles, was er noch sein könnte, aus dem Geist der eigenen Tragödie. Er ist gezeichnet, gerichtet. Aber die Fallhöhe macht den Höhenflug nicht ungeschehen.

Ich denke an einen Brief des Dichters Henrik Ibsen. Er rät einem jungen Dramatiker: »Schreiben Sie Ihren Helden, Herrn D., geradewegs vors Gericht, ohne Erbarmen. Aber erzählen Sie das nicht so, als zerstöre sich damit alles, was er vor dem Fall war. Schreiben Sie Ihr Drama so, dass sich an der Seele dieses Kriminellen nichts entzerren lässt, das Gute nicht vom Unguten, aber das Niedrige auch nicht vom charakterlich Hohen. Was an einem Menschen stark ist, möge nicht weniger beleuchtet bleiben, gerade dann, wenn seine Schwäche arge Schatten wirft.« Einen Herrn D. meinte Ibsen - und er hätte wohl auch Herrn H. meinen können.

Als Hoeneß vor Gericht stand, galt er den Chronisten dieser Zeitung nur noch als »Wurstfabrikant«. Ach, Gottchen. Ein Wort, hingeschrieben mit dem wadenbeißerischen Schrittschwung des Zwerges, der bei der DEFA ums »Singende klingende Bäumchen« tanzte. Aber Verweis auf einen Grundkonflikt: Vielen würde Vergebung für Steuersünder des Höchstsummenbereichs - Überwindung kosten. Just Linke sind ja Sachwalter der Gerechtigkeit, besonders der Verteilungsgerechtigkeit. Da bleibt der Steuerhinterzieher ein rotes Tuch. (Während Besitzende eher den Staat einen Hinterzieher nennen, der Leistungsträgern viel zu viel abknöpft, nur um bürokratisch auszuarten und individuelle Initiative einzuschläfern - da hat man natürlich Nachsicht mit allen, die ihr Geld in zweifelhafte Sicherheit bringen.)

Soeben ist ein Hauptwort gefallen: Überwindung. Vergebungsfähigkeit darf dir nicht immer nur zufließen, sie muss dich schon etwas kosten. Wie die Toleranz. Die muss ja auch weh tun, sonst ist sie keine Leistung. Natürlich darf gesagt werden, dass der Islam nicht zu Deutschland gehört, und eben deshalb muss Toleranz her, in großer Portion - gegenüber all denen, die hierzulande islamisch wurzeln, denken, fühlen, handeln. Das Verhältnis zu Fremdem soll doch die Wahrheit der Unterschiede nicht tilgen, aber: ihr unumkehrbar eine Kultur des Friedens sichern.

Toleranz ist Arbeit, so, wie Gewissen Arbeit ist und Überforderung (wer ein gutes Gewissen hat, hat keins). Und auch Vergebung bleibt - Arbeit. Vergebung ist Entfeindung, und behaupte niemand, dies falle ihm leicht. Keiner ist doch, tief innen, aus freien Stücken Demokrat. Unser heimlichster Gedanke: oft genug ein Despot, das ehrlichste Gefühl: ein Oberbefehlshaber, und unser Gemüt, dürfte es frei von den Zügeln: ein Krieger. Alle brauchen sie doch den Feind: der Maßlose die Gemäßigten, der Radikale die Reformer, der Farblose die Roten, der deutsche Internationalist die Deutschen. Da ist Vergebung durchaus ein Problem.

Der landläufige Linke zum Beispiel, er kann den Menschen furchtbar schwer die Tatsache vergeben, dass sie sind, wie sie sind. »Ja wenn die Leute nicht wären«, heißt es im Gedicht »Über die Schwierigkeiten der Umerziehung« von Hans Magnus Enzensberger: »Wenn es um die Befreiung der Menschheit geht/ laufen sie zum Friseur./ Statt begeistert hinter der Vorhut herzutrippeln/ sagen sie: Jetzt wär ein Bier gut./ (...) Man kann sie doch nicht alle umbringen!/ Man kann doch nicht den ganzen Tag auf sie einreden!«

Den Zusammenhang von Schuld und Versöhnung stellt die Vergebung vor den Zusammenhang von Schuld und Strafe. Im übrigen immer mit der Ungewissheit, ob sich der, dem man vergibt, als tätig reuig erweist. Vernunft sät Misstrauen, sammelt Beweise und schickt Steuerfahnder. An ihnen vorbei schmuggelt Vergebung das menschliche Vermögen zur Hingerissenheit. Hoeneß. Ein Letzter seiner Art. Ein Pate. Ein Tycoon. Ein Falstaff.

Vergebung ist, juristisch gesehen, fast immer ungerecht. Aber sie ist nun mal keine Staatsaktion, sie ist Sache des Herzens, das der Staat nicht hat. Auch nicht der Rechtsstaat. Der freilich besser ist, als es der Gerechtigkeitsstaat wäre. Weil es wahre Gerechtigkeit nicht gibt - wie es wahre Freiheit nicht gibt. Auch das Gute macht schuldig, wenn es durchgesetzt werden soll. »Gedenket unserer mit Nachsicht«, schrieb Brecht »An die Nachgeborenen«. Ein Gedicht als Bibelstunde der Vergebung. Zum Heulen wahr und schön und bitter. Aber hauptsächlich: schön. Weil du danach Lust hast, aufrecht zu gehen, aber den Kopf zu senken.

Vergebung ist immer auch eine Selbstanzeige. Denn in der Vergebung nehme ich mich selbst als zwiespältiges und gespaltenes Wesen an. Ich komme, indem ich vergebe, mir selbst auf die Schliche. Ein Selbsttest: Rufe ein jeder die Geschichte seiner eigenen Steuererklärungen ab! »Sie sind allesamt Sünder und ermangeln des Ruhms« (Römer, 3). Sie alle, wir alle. Ich, vor allem. Ich? Ich!

Das verweist auf eine einzige Art der Vergebung, die gefährlich sein kann: Vergebung sich selbst gegenüber. Am heitersten ist es, wenn ein Täter den Opfern vorgeben will, ihm zu vergeben. Der Bonze den Benutzten. Der Führer den Geführten. Die Peitsche den Getriebenen. Der Avantgardist den Arbeitenden. Da denke ich immer an die sarkastische Sentenz des Schriftstellers Horst Drescher: Es sei belästigend, wie Leute, die man auf dem Gewissen hat, diesen Vorwurf immer wieder erneuern - »obwohl man ihnen doch längst vergeben hat, dass man sie auf dem Gewissen hat«.

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