Brückenstemmen am Rhein

Pressen drücken abgesackten Flussübergang in die Höhe

  • Von Jonas-Erik Schmidt, Mainz
  • Lesedauer: 3 Min.
Sie ist zum Symbol für die Anfälligkeit von Infrastruktur in Deutschland geworden: die marode Schiersteiner Rheinbrücke zwischen Mainz und Wiesbaden. Wird die Reparatur am 13. April beendet?

So sieht es also aus, wenn eine tonnenschwere Brücke nach oben gedrückt wird. Männer in Bauhelmen werkeln an einem orangen Zylinder herum. Wer nicht weiß, dass hier gerade eine äußerst potente Presse zum Einsatz kommt, könnte das Gerät auch für einen Büromülleimer halten. Dass hier gerade das Nervenkostüm Tausender Pendler auf dem Spiel steht, wird vor allem an den vielen Kameras deutlich, die den Vorgang fest im Blick behalten.

Die Schiersteiner Brücke über den Rhein zwischen Mainz und Wiesbaden ist in den vergangenen Wochen zu einem Symbol für die Anfälligkeit von Infrastruktur und die Abhängigkeit von ihr geworden. Am 10. Februar sackte die vorgelagerte Brücke auf Mainzer Seite nach einem Bauunfall um bis zu 30 Zentimeter ab. In den Stunden danach versank die Region in einem Verkehrschaos. Viele Menschen leben auf der einen Seite der Rheins, arbeiten aber auf der anderen. Plötzlich war einer ihrer wichtigsten Wege zur Arbeit einfach gekappt.

An diesem regnerischen Tag entscheidet sich vor den Toren von Mainz, ob damit bald Schluss sein kann. Seit Wochen liefen die Vorbereitungen. 20 auf Hilfspfeilern montierte Pressen drücken die Brücke wieder nach oben. Sie sind klein, aber unheimlich stark. Die stärksten schaffen 800 Tonnen. Für zwei Zentimeter brauchen die Pressen etwa 15 Minuten. Die Arbeiter gehen ganz sachte mit dem Brückenkoloss um, damit nicht noch mehr Risse entstehen als ohnehin schon.

»Das hat man nicht alle Tage«, sagt Bernd Hölzgen. Der technische Geschäftsführer des Landesbetriebs Mobilität (LBM) Rheinland-Pfalz musste in den vergangenen Wochen sehr viel erklären, so auch heute. Eine gewisse Erleichterung ist ihm anzumerken. Bislang laufe es nach Plan, die ersten Zentimeter seien geschafft. Einige Stunden später kann der LBM auch offiziell verkünden, dass das Anheben geklappt hat.

Der LBM fahre nun das »volle Programm«, auch an den Feiertagen, sagt Hölzgen. Großes Ziel: Wenn der Berufsverkehr nach den Ferien wieder anrollt, soll die Brücke befahrbar sein. Das wäre der 13. April.

Allerdings ziehen schon die nächsten Probleme auf. Selbst wenn die Brücke wieder angehoben ist, die Risse aufgefüllt sind und die Belastungstests erfolgreich waren, wird das angeschlagene Bauwerk wohl keine schweren Laster mehr verkraften können. Alles, was mehr als 3,5 Tonnen wiegt, muss bis 2016 warten, wenn ein schon länger geplanter Neubau der Rheinbrücke fertig sein soll.

Hölzgen kündigt daher sogenannte »Weight-in-Motion«-Systeme zur Verkehrsüberwachung an, die bei zu schweren Lastwagen anschlagen sollen. Wer dennoch Kurs auf die Brücke hält, wird von Warnleuchten angestrahlt - und notfalls von einer automatischen Schranke ausgebremst. Als diese Option ins Gespräch kam, dachten einige Beobachter zunächst an einen Aprilscherz. Aber um die geschundene Brücke nicht schon wieder dicht machen zu müssen, ist momentan eben jedes Mittel recht. dpa/nd

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