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Was erzählen die Zahlen?

Hans-Dieter Schütt über die »Entmassung« der Ostermärsche

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 3 Min.

Die Ostermärsche sind vorüber. »Tausende«, im Detail dann auch solche Teilnehmerzahlen: 25, 75, 200, 50. Resümee, bleibender Diskussionspunkt: Was bedeutet dies? Das Beste an der Geschichte, so Goethe, sei der Enthusiasmus, den sie errege. Was ist mit dem Satz heute? Wie groß ist noch jene Bereitschaft des Menschen, über sein kleines individuelles Wursteln hinaus allgemein wirken zu wollen - und zu meinen, auch wirklich Wirkung erzielen zu können? Angesichts eines hochideologisierten 20. Jahrhunderts und seiner Zusammenbrüche geriet geschichtlicher Enthusiasmus doch wohl eher ins Zwielicht. Was heißt das für nach wie vor notwendige öffentliche Proteste? Politisch leben wir zwischen kleinen herzensfreien Mengen auf den Straßen und noch immer prägenden kopfgefesselten Parteien, zwischen tapfer marginalem außerparlamentarischem Widerstand und lahmer parlamentarischer Opposition.

Von der »organisierten Verlassenheit« des Menschen sprach Hannah Arendt; sie meinte dies als Ausgangslage für totalitäre Herrschaft und konnte noch nicht im Sinn haben, dass es einen Totalitarismus der medial bestimmten Gesellschaftsstrukturen geben würde, der auch aufs politische Bewusstsein drückt. Indem er kritisches Weltverhalten abdämpft, Menschen vereinzelt, sie ins allgemein Mittige zurückwirft, wo Watte wächst, nicht Wut. Wo Wut wächst, muss sie sich kostümieren. Sei Clown, wenn du gepanzerten Polizisten gegenübertrittst. Tanze heiter, wenn die geschlossenen Reihen der Ordnungshüter heranstiefeln. Hinter den Kulissen des politischen Geschäfts wird beim Blick aus dem Fenster hämisch gelacht.

Man trifft allenthalben aufs Erbe jener Entmassung, die mit erwähnter nachlassender Euphorie fürs Geschichtliche zu tun hat. Zudem: Der Mensch steckt so gründlich in »innerer Ermüdung« (Sennett), in täglichen Kriegen der Entfremdung - die Mühe um Seelenfrieden fordert daher alle Energie, der Mensch strampelt zunehmend ohne Klassen- oder politischen Gruppenbezug. Einst standen viele gegen ein Elend auf, heute eint sie auf Demonstrationen und Marschzügen nur noch das Elend, als derart Viele so allein zu sein.

Gegen die Atomraketen, vor Jahrzehnten, wirkte und webte eine Bindungskraft, die aus der millionenfach sehr unmittelbar empfundenen Furcht resultierte, das Gleichgewicht des Schreckens könne auf verheerende Weise zerbrechen. Jene Bewegung war ein Solidarakt unzähliger prophylaktischer Opfer. Die Kriege der heutigen Welt gehen uns zwar auch ans Herz, aber nicht wirklich unter die Haut. Ferngebiete. Es reicht für Protest, nicht für eine Angst, die man gemeinsam teilt. Aber vielleicht geht es ja darum, ob man trotzdem noch Energie hat. Aufstehen, hinausgehen - auch wenn man dort allein bleibt.

Friedensdemonstration - das ist kaum mehr die Gewissheit, Politik wahrhaft beeinflussen zu können. Aber man kann sich trotzdem Kraft holen - die bitter nötig sein wird, wenn die Geschichte zum nächsten Schlag ausholt, um uns als handelnde Subjekte zu widerlegen. Und uns mit einer entscheidenden Frage vor den Kopf zu stoßen: Geht es denn wirklich nur immer darum, auf die Impulse der Angst zu hoffen?

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