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Sauer wie süß

Keine Action, keine Spannung. Aber viel Kollateralschwachsinn. Matthias Dell über den Tatort »Frohe Ostern, Falke«

Der »Tatort« lohnt schon deshalb die Beobachtung, weil er über das Selbstverständnis des deutschen Fernsehfilms Auskunft gibt. Der tritt zumeist als Buchhalter in Erscheinung, der versucht, die einzelnen Posten in der Geschichte, die erzählt werden soll, so genau zu erklären, dass sie am Ende wenigstens stimmt, die Geschichte.

Der obsessive Glaube an ein solches Alles-belegen-können zeigt sich schön in »Frohe Ostern, Falke«. Darin wird eine Charity-Veranstaltung in Hamburg überfallen, die Kunde davon ist allerdings noch diffus; der ermittelnde Falke (Wotan Wilke Möhring) weiß nicht, wo die Party steigt. Er fragt einen Kollegen, der wenig Hoffnung macht - es gebe nämlich über Ostern eine Menge solcher Festivitäten. Bevor sich Falke und die Zuschauerin fragen können, warum, schiebt der Kollege eine Erklärung nach: »Vor allem, weil die Fastenzeit vorbei ist«, was unmittelbar einleuchtet (Party gleich Völlerei). Bevor sich Falke und der Zuschauer fragen können, woher der Kollege das weiß, macht der den Sack mit einer weiteren Erklärung zu: »Ich bin katholisch.«

Das ist mal plausibel durchargumentiert, da bleiben keine Wünsche offen. Doof ist nur, dass diese Mikrologiken sich ein Film (NDR-Redaktion: Donald Kraemer, Degeto-Redaktion: Birgit Titze) erzählt, der makrologisch betrachtet das Deppertste ist, was seit langer Zeit nach dem »Tatort«-Vorspann gelaufen ist. »Frohe Ostern, Falke« ist eine reichlich dämliche Folge, der man nicht nur Unvermögen attestieren muss, sondern durchaus niedere Beweggründe.

Die offenbaren sich im - soll man wirklich sagen? - Begriff des Politischen, den Drehbuchautor, Regisseur und Grimme-Preisträger Thomas Stiller in seiner Räuberpistole entfaltet. Die Charity-Veranstaltung wird nämlich überfallen von fünf in Hasenkostüme gekleidete »Bad Easter Bunnies« (»die bösen Osterhasen - für alle, die kein Englisch können«, wie der Film einmal sicherheitshalber erklärt). Die breitbeinige Truppe, die machomartialisch zum Neunziger-Jahre-Jugendbewegungs-Kracher »Killing in the Name« von Rage against the Machine bei Schießübungen eingeführt wird, hat in der Vergangenheit wohl mit Farbbeutelattacken für politische Ziele geworben. Nun ist sie gekapert worden von einem Oberhasen (Thomas Sarbacher), der trauriger Agent einer fiesen Verschwörung ist, die einen Mitarbeiter der »Rüstungsindustrie« zum Ziel hat.

Demagogisch ist Stillers Story gleich in drei völlig widersprüchlichen, quasi crossgedressten politischen Positionen. Die (linken) Aktivisten für Umverteilung und Gerechtigkeit sind hier zum einen nur einen Schritt von tödlicher Gewalt entfernt (man könnte mit den Radikalisierungssätzen à la »Wir wollen wirklich was verändern« Bullshit-Bingo spielen), sie sind sofort bereit, das Gegenteil von dem zu erreichen, was sie wollen, wenn nur eine Führergestalt sie über ihre Website kontaktiert und in völlig unsinnige Aktionen reinquatscht (»Der hat nach und nach mehr Druck gemacht«).

Zum zweiten sind die Oberen Zehntausend, die in »Charity« machen und als Gruppe auch nicht als Sympathieträger gezeichnet werden (Falkes von Petra Schmidt-Schaller gespielte Kollegin, die durch »einen« Freund mit von der Partie ist, hält im Auftrag des Publikums wohlweislich Abstand), in ihrem Engagement so avanciert, dass »Frohe Ostern, Falke« auf perfide Weise eine minoritäre aktivistische Position zur Flüchtlingspolitik erledigt, indem der »Tatort« sie gerade von den falschen Leuten vertreten lässt. Verlogene Reiche, die unwahre Sätze sagen wie: »Flüchtlingshilfe ist was, was sich Politiker auf die Fahnen schreiben, wenn Wahlen vor der Tür stehen.« Als ob eine Politikerin daran glauben würde, mit »Flüchtlingshilfe« sich bei den Wählern beliebt zu machen.

Zum dritten nutzt der Film die Machtsituation der Geiselnahme mit gezogener Waffe zu einem dumpfen Sexismus, der sich nebenbei alles erlauben will (»Du bist bestimmt 'ne Sau im Bett«), was eher nach schlichten Männerfantasien klingt (»Oder bist du 'ne Leckschwester«) als nach einem wie auch immer gearteten Aktivismus. Aber mit Theoriebildung und Analysefähigkeit hatten’s die Osterhasen eh nicht so.

Der größte Witz ist vermutlich aber, dass ein »Tatort«, der so viel Kollateralschwachsinn produziert, noch nicht mal aufregend ist. Keine Action, keine Spannung, kein Sinn: Unabhängig vom kruden politischen Entwurf kann das Drehbuch sich höchstens in einem Zustand weit vor der ersten Fassung befunden haben, als es dummerweise verfilmt worden ist.

Ein Satz, der aus Kollegen Freunde macht:
»Warum sind Sie eigentlich hier?«

Eine Einstellung, mit der man es weit bringen kann:
»Wir warten.«

Etwas für den Grabstein:
»Er war nervöser als sonst.«

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