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Gitter vor der Geisterstadt

Eine Berliner Firma hat Hannovers umstrittenste Immobilie ersteigert: das Ihmezentrum

Eine hoch verdichtete »Stadt in der Stadt« sollte das Ihmezentrum einst werden. Dann kam der Niedergang. Was wird aus dem 1970er-Wohn- und Einkaufskomplex mit seinen vielen ungenutzten Läden?

»Grab« hat jemand auf eine Bretterwand vor den leeren Betonhöhlen der Einkaufsmeile gesprayt. Das Wort überschreibt treffend eines der bislang letzten Kapitel im Trauerspiel »Aufstieg und Fall der Stadt in der Stadt namens Ihmezentrum«.

Die nun toten Geschäfte des 1975 eingeweihten Monumentalbaus erfreuten sich vor 40 Jahren regen Lebens. Längst ist das anders. Das aus Ladenpassagen und bis zu 23 Etagen hohen Wohntürmen zusammengesetzte Musterbeispiel des Brutalismus verlor nach und nach an Attraktivität.

Die weiträumige Einkaufsmeile, die das Zentrum dominierte, gleicht einer Geisterstadt. Gitter versperren den Zugang, gestatten aber den Blick auf marode Wege, bröckelnden Beton, Pfützen und bemooste Flächen. Und vielerorts auf Bretter vor ausgestorbenen Geschäften. Aus dem Fundament eines abgerissenen Kneipen-Pavillons sprießt Wildwuchs. Wie auf Trümmerflächen nach dem Krieg. Tristesse so weit man blickt.

Völlig verwaist ist das nach einem nahen Fluss benannte Zentrum nicht. Etwa 2400 Menschen wohnen hier, andere arbeiten in Büros, besuchen die Stadtwerke oder eine Sportschule, die zu den wenigen gewerblichen Mietern zählen. Auch »Forscher« kommen. Sie spüren den Mythen nach, die sich ums Ihmezentrum ranken. Dazu gehört die Story vom Hallenbad: Fertig gekachelt sei es hinter einer stets verschlossenen Eisentür verborgen. Es müsse nur noch das Wasser eingelassen werden. Trockene Tatsache: Das Bad war vorbereitet, wurde aber nie fertiggestellt, sondern zugeschüttet.

Hartnäckig hält sich auch das Gerücht um eine geheime U-Bahn-Station, die auf einer noch geheimeren Tiefebene auf ihr Erwecken wartet. Gruselig wurde die Sache, als jemand verbreitete: Zwei Studenten seien auf der Suche nach jener Geisterstation verschwunden und nie wieder aufgetaucht. Fakt ist, dass es Pläne für einen U-Bahn-Anschluss gab. Eine Station aber wurde nie gebaut. Fakt ist auch, dass es aus den verwinkelten Gängen des Zentrums schon mal nach »Gras« riecht. Oder strenger, weil manche Ecken gern von Wildpinklern angesteuert werden.

Viele Bewohner sind traurig über die morbide Atmosphäre, die sie umgibt. Sie leben gern hier, genießen den Ausblick über die Stadt. Gibt es für ihr Zentrum bald so etwas wie eine »Auferstehungs-Botschaft«? Erhofft wird sie von der »Projekt Steglitzer Kreisel Berlin Grundstücks GmbH«. Sie hat jüngst 83 Prozent des Zentrums gekauft. Für 16,5 Millionen Euro gabs den Zuschlag bei der gerichtlichen Versteigerung des 2009 nach einer Insolvenz unter Zwangsverwaltung gestellten Komplexes. Das Geld geht an die Hauptgläubigerin, die Landesbank Berlin, die lieber 50 Millionen gesehen hätte.

Aus formalen Gründen kann der Erwerber wohl erst Mitte April über das Zentrum verfügen; viele hoffen, dass er dann seine Pläne offenbart für den Komplex. Für dessen Bau war Anfang der 1970er-Jahre ein ehemaliges Industriegebiet am Rande des traditionsreichen Arbeiterviertels Linden zubetoniert worden. Mit einem 60 000 Quadratmeter verschlingenden Fundament. »Das größte Europas«, posaunte Hannover stolz. Auf ihm wuchs mit über 100 000 Quadratmetern Gewerbe- und knapp 67 000 Quadratmetern Wohnfläche das Ihmezentrum, das in seiner Entstehungsphase oft als »Stadt in der Stadt« gerühmt wurde, den Kritikern aber schon damals als »Klotz« missfiel.

»Klotz«, das war auch der Tarnname der Roten-Armee-Fraktion für deren Domizil im Ihmezentrum. Polizeibeamte hätten dort 1978 in einer verlassenen Wohnung Material zum Bau einer Stalin-Orgel gefunden, hieß es: eines Raketenwerfers.

Die RAF-Wohnung war zu einer Zeit durchsucht worden, in der noch Käuferscharen das Zentrum belebten. Doch nach und nach zogen sich kleinere Geschäfte und auch die Publikumsmagneten zurück. Kaufhof ging und auch Saturn-Hansa. Inzwischen sind alle Läden leer.

Umbauten, mit denen erst ein deutscher Investor, dann einer aus den USA die Einkaufsmeile beleben wollte, kamen wegen Insolvenz 2009 zum Stillstand. Der »hässliche Kasten« solle abgerissen werden, wetterten viele Bürger. Schon die Eigentumswohnungen verbieten solch eine Brachiallösung. Vom Käufer wird vielmehr ein Konzept erwartet. das die Passagen erlöst von ihrem »Grab«-Charakter.

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