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Historischer Brandbeschleuniger

Vor 70 Jahren mussten sich in Tröglitz Zwangsarbeiter zu Tode schuften

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Tröglitz - dort, wo vor einer Woche vermutlich Nazis ein für Flüchtlinge vorbereitetes Haus in Brand setzten, haben vor 70 Jahren rund 1000 Menschen den Tod gefunden: Es gab dort eine KZ-Außenstelle.

»Das ist eine Stadt der lebenden Toten.« So fasste ein britischer Soldat seine Eindrücke zusammen, als er am 15. April 1945 zusammen mit Kameraden die zum Skelett abgemagerten Häftlinge im Konzentrationslager Bergen-Belsen befreite. Viele von ihnen waren auf Todesmärschen in das niedersächsische Heidedorf getrieben worden, hatten zuvor in anderen KZs gelitten, auch bei Tröglitz. Ganz in der Nähe des Ortes in Sachsen-Anhalt, wo in der Nacht zum Ostersamstag ein geplantes Asylbewerberheim in Flammen stand, war 1944 eine Außenstelle des Konzentrationslagers Buchenwald eingerichtet worden.

Jens-Christian Wagner, Geschäftsführer der Stiftung niedersächsische Gedenkstätten, bereitet derzeit die Gedenkfeier zur Befreiung des KZ Bergen-Belsen vor. Seine Gedanken gehen dabei auch an die etwa 300 Menschen, die sich von Tröglitz in das Heide-KZ schleppen mussten. Nur wenige hundert Meter von dem jetzt ausgebrannten Flüchtlingshaus hat das Außenlager gestanden, eines der grauenhaftesten, weiß Wagner. »Man muss sich doch fragen, warum gerade in einer solchen Ortschaft die NPD und Rassisten so wirkungs- und meinungsmächtig agieren können«, sagt der Geschäftsführer im Gespräch mit »nd«. Jenes Agieren - das sind die von der Nazipartei geschürten Proteste gegen das Flüchtlingshaus, die dem Brand vorangegangen waren.

Errichtet worden war das Lager nahe Tröglitz und seinem Nachbarort Rehmsdorf für mehrere tausend Zwangsarbeiter. Sie sollten die Treibstofffabrik »Brabag« wieder aufbauen, die amerikanische Flieger im Mai 1944 zerstört hatten. Vor allem ungarische Juden mussten auf dem Areal schuften, aber auch Gefangene aus den Niederlanden, Lettland, Polen, Frankreich und Rumänien.

Die Todesrate im Lager »Wille«, so war es nach dem Chef der »Brabag« benannt, lag hoch. Von den knapp 9000 Menschen, die dort eingepfercht waren, starben fast 6000, davon etwa 1000 im Lager, durch Hunger und Entkräftung. Nicht wenige fielen während der Schwerstarbeit auf dem Fabrikgelände tot um. Sobald dort Bauschutt weggekarrt werden musste, wurden die Leichen zusammen mit ihm weggebracht. Rund 3000 der bei Tröglitz Gepeinigten wurden, wenn sie nicht mehr arbeitsfähig waren, ins KZ Auschwitz gebracht und dort vergast. Weitere 2000 Menschen verloren ihr Leben nach Auflösung des Lagers im April 1945 auf Todesmärschen nach Dachau und Bergen-Belsen oder in einem dieser Lager.

An das Schicksal der Wille-Opfer erinnert eine Gedenkstätte bei Rehmsdorf. Betreut wird sie von dem 86-jährigen Lothar Czoßeck. Er bedauert »das erschreckende Unwissen« vieler Menschen über das Geschehen zur Nazizeit nahe Tröglitz, dem Ort, der nun Jahrzehnte nach rechtem Terror wieder durch rechte Aktionen traurige Bekanntheit erlangt hat.

Noch sind die Brandstifter nicht gefasst. Polizeibeamte sind dieser Tage in Tröglitz von Haus zu Haus gegangen, haben die rund 2800 Einwohner nach Hinweisen befragt. Für Angaben, die zur Aufklärung des Falls führen, hat das Land eine Belohnung von 20 000 Euro ausgelobt. Weil das Haus derzeit unbewohnbar ist, sollen vorerst nur zehn Flüchtlinge nach Tröglitz kommen und dort in privaten Quartieren untergebracht werden.

An der geplanten Zahl von 40 Flüchtlingen für Tröglitz wird festgehalten, das befürwortet auch Landrat Götz Ulrich (CDU). Wegen dieser Haltung haben ihm anonyme Schreiber massive Morddrohungen zugeschickt. Ulrich steht seitdem unter Polizeischutz, wie auch der ehemalige Bürgermeister von Tröglitz, Markus Nierth. Er war zurückgetreten, nachdem die NPD auch vor seinem Haus fremdenfeindliche Kundgebungen aufziehen wollte. Auch Nierth, der Friedensgebete gegen den Rassismus initiiert hatte, ist anonym mit dem Tode bedroht worden. Offensichtlich von Menschen, deren geistiger Brandstiftung eine solche mit offener Flamme gefolgt ist.

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