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Wenn ein Meer zum Inferno wird

Erneute Flüchtlingstragödie zwischen italienischer und libyscher Küste könnte nur ein Anfang in diesem Jahr sein

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Neue Schreckensgeschichten, alte Politik: Während Italien versucht, Tausende Flüchtlinge aus dem Mittelmeer zu retten, verharrt Europa in Beileidsbekundungen.

Rom. Hunderte Flüchtlinge, die während der Überfahrt ertrinken, ein toter Migrant, der den Haifischen zum Fraß vorgeworfen wird, Schleuserbanden, die auf Rettungsschiffe schießen, die Revolte von Regionalpräsidenten, die keine Flüchtlinge mehr aufnehmen wollen. All das geschieht in diesen Tagen, in denen das Wetter wieder besser wird, in Italien, vor den Küsten des Landes und Europas.

In Libyen sind 550 Flüchtlinge gestartet, vom italienischen Marineboot »Orione« wurden aber nur 150 lebend aus dem Wasser gezogen. Die anderen 400, darunter zahlreiche Kinder, sind nach Zeugenaussagen im Mittelmeer ertrunken. In den letzten Tagen ist das Meer zwischen der nordafrikanischen Küste und Süditalien erneut zu einem Inferno geworden. Allein in den letzten drei Tagen sind 8000 Flüchtlinge nach Italien gekommen - und viele erzählen Horrorgeschichten. »In unseren Boot waren wir mindestens 550«, sagt ein junges Mädchen, das die Todesfahrt überlebt hat und nach Reggio Calabria gebracht wurde. »Wir hatten nichts zu essen und kein Wasser. Viele Frauen hatten Neugeborene dabei. Als endlich das Rettungsboot in Sicht war, wurden die Menschen unruhig. Wir haben geschrien, sie sollten still sitzen, aber sie waren einfach nur verzweifelt. Viele sind über Bord gefallen. Ich habe geschehen wie Kinder ertrunken sind und auch ihre Mütter, die versucht haben, sie zu retten.«

Ein Überlebender eines anderen Bootes, das von der italienischen Küstenwache nach Sizilien gebracht wurde, erzählt, dass ein Mann, der während der Überfahrt gestorben ist, von dem Schleuser kurzerhand über Bord und den Haien zum Fraß vorgeworfen worden sei.

Eine weitere Geschichte handelt von der Mannschaft des isländischen Militärschiffes »Tyr«, das im Rahmen der EU-Küstenschutz-Operation »Triton« vor Italien kreuzt. Die »Tyr« hatte schon 350 Flüchtlinge an Bord, als sie von einem italienischen Handelsschiff zu Hilfe gerufen wurde, das seinerseits ein Schlauchboot mit 250 Migranten im Schlepptau hatte. Nachdem die Flüchtlinge an Bord der »Tyr« waren, schossen plötzlich die Menschenhändler, die im Schlauchboot geblieben waren, in die Luft. Sie wollten das Boot nicht hergeben, mit dem sie weitere Touren hätten machen können, die ihnen abermals Zehntausende Euro einbringen würden. Das isländische Marineboot hat sie ziehen lassen, um das Leben der Flüchtlinge nicht zu gefährden.

Die internationalen Hilfsorganisationen gehen davon aus, dass dieses Jahr so viel Flüchtlinge aus Libyen starten werden wie nie zuvor. Die Schätzungen liegen zwischen 500 000 und 800 000. Das Kinderhilfswerk Save the Children warnt davor, dass unter den Flüchtlingen immer mehr Minderjährige sein werden, die einen besonderen Schutz genießen: von den 450 Kindern, die in den letzten Tage in Italien gelandet sind, waren 317 ohne ihre Eltern auf die Reise gegangen.

In Italien nimmt auch die Hetzpropaganda gegen Flüchtlinge zu. Matteo Salvini, Vorsitzender der rassistischen Partei Lega Nord, »warnt« davor, dass unter den Migranten auch viele Terroristen des »Islamischen Staates« seien und erklärte, er werde nicht zulassen, dass etwa Hotels für die Flüchtlinge angemietet werden: »Wir werden sie vorher besetzen«, erklärte er. Tatsächlich wird es für die italienischen Behörden immer schwerer, einigermaßen geeignete Unterbringungen zu finden.

An diesem Problem würde auch nichts durch die Wiederbelebung der italienischen Seenotrettungsoperation »Mare Nostrum« geändert, die nun zu recht gefordert wird. Immerhin wurden durch sie innerhalb eines Jahres 140 000 Menschen im Mittelmeer gerettet. Jedoch kam Italien allein für die Kosten von etwa neun Millionen Euro monatlich auf. Dies konnte und wollte die Regierung von Matteo Renzi nicht länger übernehmen.

Derweil ist auch Griechenland mit steigenden Flüchtlingszahlen konfrontiert. Die Einwanderungsministerin Tassia Christodoulopoulou warnte im Fernsehsender Mega: »Wenn der Flüchtlingsstrom sich in diesem Rhythmus fortsetzt, werden wir bis Ende 2015 100 000 Neuankömmlinge haben.« Vergangenes Jahr waren 43 518 Menschen über die griechischen Inseln ins Land eingewandert und 1903 weitere über den Landweg. Im ersten Quartal 2015 hat sich die Zahl der in Griechenland eingetroffenen Bootsflüchtlinge bereits auf knapp 10 500 mehr als verdreifacht. Das derzeit gute Wetter lässt die Zahl der Flüchtlingsboote auch vor den griechischen Küsten weiter steigen. Die SYRIZA-geführte Regierung hat daher am Dienstag beschlossen, dass alle Flüchtlinge, die auf den griechischen Inseln ankommen, künftig in Aufnahmezentren auf dem Festland gebracht werden sollen. Dort würden sie in zwei Gruppen - Flüchtlinge und Einwanderer - eingeteilt. Die Behörden sollten nun Gebäude und Grundstücke für die Schaffung zusätzlicher Unterbringungen suchen, hieß es in einer Mitteilung der Regierung. Damit setzt Premier Alexis Tsipras den Kurs einer humaneren Flüchtlingspolitik fort. Die Regierung beschloss bereits vor Wochen, geschlossene Internierungslager für Migranten durch offene Aufnahmezentren zu ersetzen.

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