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Die Männer mit dem rosa Winkel

Homosexuelle im KZ Sachsenhausen - eine lange verschwiegene und vergessene Opfergruppe

  • Von Raimund Waligora
  • Lesedauer: 4 Min.

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Es muss Ende der 1980er Jahre gewesen sein, als unser Freund André Grevenrath, ehemaliger Häftling im KZ Sachsenhausen, uns durch die Gedenkstätte führte. Er war schon in der Nacht, in der der Reichstag brannte, als Jungkommunist verhaftet worden. Zwischenzeitlich zum Arbeitsdienst in das besetzte Polen dienstverpflichtet, kam er erneut nach Sachsenhausen, weil er polnischen Zwangsarbeitern Brot zugesteckt und Kontakt zum polnischen Widerstand gesucht hatte. Er trug als »Politischer« den roten Winkel, er wusste sich immer in klarer politischer Gegnerschaft zu den Nazis und zeigte uns, einer Gruppe von vier Freunden, die Stätten seiner Verfolgung - durchaus mit Stolz. Er wusste aber auch, dass wir überdies interessiert waren an einer anderen Gruppe von Opfern, die nicht als aktive Nazigegner inhaftiert waren, nämlich die Homosexuellen. Er erklärte uns: »Hier waren die zwei Baracken der Häftlinge mit dem rosa Winkel, sie waren noch mal extra eingezäunt, damit wir uns nicht ansteckten.« Kontakte mit anderen Häftlingen war den Homosexuellen streng verboten.

Das Wenige, was wir damals von André erfuhren, war für uns viel. Forschungen gab es bis dahin kaum. »Die Linke und das Laster« hieß eine Veröffentlichung von 1995, die sich als eine der ersten mit dem Desiderat auseinandersetzte. Im Untertitel hieß es treffend: »Schwule Emanzipation und linke Vorurteile«. In der Tat waren die Schwulen zweifellos auch Opfer, aber waren sie so »richtige« Gegner wie die Kommunisten? Dass es auch bei der Linken vieler Diskussionen bedurfte, um zu einem differenzierten Urteil zu kommen, sei hier nur angemerkt.

Das ist heute zum Glück Geschichte. Der diskriminierende Paragraf 175 ist in Deutschland kein Straftatbestand mehr, aber weltweit nicht ad acta gelegt. In über 80 Ländern ist Homosexualität unter Strafe gestellt, in über zehn Ländern droht die Todesstrafe, die auch öffentlich vollstreckt wird, z. B. in Iran.

Der Band »Homosexuelle Männer in KZ Sachsenhausen« ist eine Neuauflage eines im Jahr 2000 im Verlag Rosa Winkel erschienenen Buches, das rasch vergriffen war. Die Nachfrage war groß. Möglich wurde der Nachdruck dank der Unterstützung der Bundesstiftung Magnus Hirschfeld und der Rosa-Luxemburg-Stiftung. Es ist die »erste umfassende Darstellung der Homosexuellen im Mikrokosmos KZ Sachsenhausen, in einem deutschen Konzentrationslager überhaupt«, wie Andreas Sternweiler im Vorwort betont.

Die Forschungen zum Thema sind aus verschiedenen Gründen äußerst schwierig. Da sind nicht nur die schon benannten Vorurteile. Es gab kaum überlebende Zeugen. In der Häftlingshierarchie standen die Homosexuellen auf der untersten Stufe. Im rassistischen und sozialdarwinistischen »Menschenbild«, besser Feindbild der Nazis, hatten Homosexuelle (wie Juden und »Zigeuner«) überhaupt kein Lebensrecht. Eine der wichtigsten Quellen zum Thema überhaupt, der Erlebnisbericht von Heinz Heger »Die Männer mit dem rosa Winkel« (Hamburg 1972), konstatiert: »Juden, Homos und Zigeuner, also die gelben, rosa und braunen Winkel, waren die Häftlinge, die am häufigsten und schwersten unter den Martern und Schlägen der SS und Kapos zu leiden hatten. Sie wurden als Abschaum der Menschheit bezeichnet, die überhaupt kein Lebensrecht auf deutschem Boden hätten und daher vernichtet werden müssten ... Aber der allerletzte Dreck aus diesem ›Abschaum‹, das waren wir, die Männer mit dem rosa Winkel.« Im vorliegenden Band findet sich das Zitat im Beitrag von Joachim Müller, der die Isolierung der schwulen Häftlinge innerhalb des Konzentrationslagers untersuchte. Zudem: »Das Fortbestehen der Pönalisierung von Homosexualität trieb die, die überlebt hatten auch weiter in die Selbstverleugnung. Sie nannten sich selbst lieber politisch Verfolgte, was ja im Grunde auch nicht falsch war.«

Die Männer mit dem rosa Winkel entstammten aller sozialen Schichten, Konfessionen, politischen Überzeugungen und im Verlauf des Krieges vieler Nationen. Es handelte sich oft nicht um ausgewiesene Gegner des Naziregimes.Sogar SS-Leute, die vorher zum Wachpersonal gehörten, wurden zu Häftlingen, nachdem ihre Homosexualität entdeckt war. Einige gut dokumentierte Einzelschicksale werden hier geschildert, etwa von ehemaligen Ärzten, die im Lager aufopferungsvoll als Krankenpfleger wirkten.

Die Isolierung der Männer mit dem rosa Winkel erschwerte die Solidarität mit ihnen. Dennoch gab es bewegende Gesten des Mitgefühls und Akte der Menschlichkeit, über die hier denn auch berichtet wird. Manche Männer mussten zwei Etikettierungen tragen, so homosexuelle Juden den gelben Stern und den rosa Winkel. Als gesichert kann gelten, dass über 600 schwule Häftlinge in Sachsenhausen zu Tode gekommen sind. Von mehr als der Hälfte konnten die Namen ermittelt werden. Dem Band ist eine Liste der bisher bekannten ermordeten schwulen Häftlinge beigegeben.

Der bewegenden, gut elaborierten Neuauflage ist eine große Resonanz zu wünschen, denn das Buch markiert einen Meilenstein in der Forschung und zur Befreiung von nazistischer Unmenschlichkeit.

Joachim Müller/ Andreas Sternweiler (Hg.): Homosexuelle Männer im KZ Sachsenhausen. Männerschwarm Verlag, Hamburg. 397 S., br., 28 €.

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