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Eine Menge Futter

Sieben Tage, sieben Nächte: Gabriele Oertel über den neuen Bürgerdialog von Naturwissenschaftlerin Angela Merkel

  • Von Gabriele Oertel
  • Lesedauer: 2 Min.

Auch wenn sich viele Journalisten inzwischen zunehmend selbst in der Rolle des Politikers oder zumindest eines Politikberaters gefallen - zwischen der Tätigkeit in Redaktionen und der in Partei- oder Regierungsbüros bestehen doch noch ein paar Unterschiede. Freilich werden beide Berufsgruppen in der schönen neuen Welt des sekundenschnellen Daumenhebens oder -senkens gern und viel beschimpft. Aber während beispielsweise der unzufriedene Zeitungsleser einfach über Nacht sein bisheriges Abo kündigen oder das Blatt schnöde am Kiosk liegen lassen kann, erhalten Politiker meist erst nach Jahren, zumeist bei Wahlen, die Quittung für ihre Arbeit.

Weil die Naturwissenschaftlerin Angela Merkel nichts dem Zufall überlässt, will sie auch zwischendurch einigermaßen auf dem Laufenden sein, wie ihre Wähler ticken. Oder zumindest den Eindruck erwecken, als würde irgendwann doch einmal so etwas wie Innenpolitik in diesem Land gemacht. Oder wenigstens ein bisschen der landläufig um sich greifenden Politikverdrossenheit den Saft abdrehen. Vielleicht sogar alles zusammen. Jedenfalls hat sie in dieser Woche einen neuen Bürgerdialog gestartet. Und das sogar gemeinsam mit ihrem handzahmen kleinen Partner der Großen Koalition, der 2012 noch bei der letzten ähnlichen Unternehmung von den harten Bänken der Opposition derlei für wenig hilfreich und zu teuer geißelte.

Unter dem hoffnungsfrohen Motto »Gut leben in Deutschland - was uns wichtig ist«, sollen möglichst viele Menschen in den naturgemäß ohnehin optimistischeren Frühlings- und Sommerzeiten Ideen, Anregungen und Wünsche auf einer eigens eingerichteten Dialogplattform im Netz formulieren. Später wird weiter auf bundesweit 150 Veranstaltungen landauf, landab diskutiert. Und dann sind Experten und Spitzenpolitik gefragt, um das Ganze ab Oktober auszuwerten.

Nicht bekannt ist, ob dabei auch die Verhaltensforscher zum Zuge kommen, deren Einstellung im Kanzleramt im vergangenen Sommer für viel Wirbel gesorgt hatte, weil die von ihnen offenbar erwarteten »Nuding-Konzepte« auf das Unbewusste im Menschen setzen, um über kleine »Stupser« die Gesellschaft zu verändern.

Versichert wurde am Montag zum Start der Ein-Blick-ins-wahre-Leben-Aktion lediglich, dass das eine oder andere noch in dieser Legislaturperiode als »Denkanstoß« in die Regierungspolitik einfließen könnte. Und wenn nicht, bleibt der Wahlkampf 2017 - und man darf gespannt sein, welch unterschiedliche Schlussfolgerungen Union und SPD dann jeweils aus der Volksbefragung ziehen werden. Für Journalisten jedenfalls bietet das Unternehmen eine Menge Futter. Im eigentlichen beruflichen Sinne wie auch bei der Fehlinterpretation der Politikberatung.

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